Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/210/
Spezifika des liechtensteinischen Rechts Spezifika des liechtensteinischen Rechts Was das liechtensteinische 
Recht in genereller Sicht angeht, so speist sich dieses ohnehin aus verschiedenen Rechtskreisen oder -kulturen. Es ist "zum Teil österreichischer Herkunft, zum Teil nach Schweizer Muster geformt, zum Teil eigenständiges Recht".5' Dies erklärt sich aus der 
Rezeptions• und Adaptionsgeschichte, die für den Kleinstaat aufgrund des chroni­ schen Mangels an inländischen Rechtsexperten notwendig war. Zwischen 1812 und 1843 wurden das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetz­ buch" (mit Ausnahme des Erbrechtes), die allgemeine Gerichtsordnung, das Strafgesetzbuch und die Strafprozessordnung aus Österreich mitsamt den fortbildenden Rechtsakten der Donaumonarchie vollkommen und automatisch übernommen. Das Oberlandesgericht für Tirol und Vorarlberg wurde 1818 zur dritten Instanz in Zivil- und Strafsachen für Liechten­ stein bestimmt. Ab 1846 erfolgte dann nur noch eine fallweise Rezeption, wenngleich durch die von 1852 bis 1919 zwischen Österreich und dem Fürstentum bestehende Zollunion erneut ein gewisser Automatismus zum Zuge kam. Der letzte grosse Rezeptionsschub öster­ reichischen Rechtes erfolgte zwischen 1912 und 1915; das Oberlandesgericht Innsbruck amtierte jetzt als dritte Instanz in Zivil- und Strafsachen für Liechtenstein." Das seit Januar 1989 in Liechtenstein geltende neue Strafgesetzbuch sowie die Strafprozessordnung wurden dann erneut weitgehend dem fortgebildeten Österreichischen Recht entnommen. Das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie 1918 und die Hinwendung Liechten­ steins zur Schweiz wirkten sich selbstredend auch im Rechtsleben aus: "Insbesondere wird 1922 das schweizerische Sachenrecht übernommen und 1926 das Personen- und Gesell­ schaftsrecht nach Schweizer Muster (allerdings nicht nur, A.W.) gestaltet. Für jene Teile des Zivilrechts, in denen österreichisches Recht fortgilt, werden die österreichischen Teilnovellen (aber nur zum Teil) rezipiert. Was die Gerichte anlangt, macht sich Liechtenstein selbständig: das Gerichtsorganisationsgesetz vom 7. April 1922 setzt an die Stelle des Oberlandesgerichtes Innsbruck den liechtensteinischen Obersten Gerichtshof."M Der Zollvertrag mit der Schweiz 1923 beförderte wiederum einen bestimmten Automatismus in der Übernahme nunmehr schweizerischen Rechts und damit auch einen partiellen Souveränitätsverlust, zumal auch eine Zuständigkeit kantonaler und eidgenössischer Gerichte besteht. Allerdings hob späte­ stens mit der liechtensteinischen Ausgestaltung des Gesellschaftsrechtes auch eine eigenstän­ dige Phase und Verselbständigung der liechtensteinischen Rechtsordnung an. Es kann daher auch hier von einem 
Mischverhältnis gesprochen werden, das Automatis­ men, verzögerte Rezeptionen, teilweise Übernahmen oder Nichtannahmen der Ursprungs­ texte, Perspektivenwechsel und Neuorientierungen sowie eigene Gestaltungsformen bzw. Nuancierungen hinsichtlich der Rezeptionsgrundlagen in nahezu allen möglichen Schattie­ rungen enthält, die zusammen und in verschiedenen lnterpenetrationsbereichen die liechten­ steinische Rechtsordnung mitgeprägt und ausgestaltet haben. Das bringt indessen auch Erschwernisse in der Rechtsanwendung mit sich. Der in Liechtenstein tätige Jurist "sollte jetzt nicht nur in einer, sondern in mehreren Rechtsordnungen daheim sein. Er sollte die Hilfsmittel dieser verschiedenen Rechtsordnun­ gen parat haben und benützen. Und trotzdem muss er darauf gefasst sein, dass die Hilfsmit­ tel ihn im Einzelfall im Stich lassen, wenn nicht wörtlich rezipiert wurde, oder dass sie ihn wegen eines nicht in die Augen fallenden Unterschiedes irreleiten. Schliesslich kann auch ... eine mit dem Ursprungsrecht gleichlautende rezipierte Vorschrift dadurch einen andern Sinn erlangen, dass sie in anderm Zusammenhang steht, dass aus einem andern Recht stammende GSchnitzer 1963, S. 24. In einigen wenigen Teilen ist das liechtensteinische Recht zudem vom deutschen Recht adaptiert. 52 Siehe auch Brauneder 1988. 53 Gschnitzer 1963, S. 25-29. » Ebd., S. 30. 209
        

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