Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/20/
Genereller Kontext Wie in Europa und Deutschland ergriff die national und liberal geprägte Revolutionsbe­ wegung 1848 auch Liechtenstein. In der Deutschen Nationalversammlung, die in der Frank­ furter Paulskirche zusammentrat, waren von Liechtenstein zuerst Peter Kaiser, dann Karl Schädler vertreten. Liechtenstein befand sich in einer bedrängten und isolierten Lage. Die Tendenz der Paulskirche zu einem Reich mit starker Zentralgewalt hätte für das kleine Land mehr Kosten und weniger Selbständigkeit mit sich gebracht. Es drohte auch eine österrei­ chische Einverleibung durch zwangsweise Mediatisierung. Aber es bestanden in Liechten­ stein auch Überlegungen zu einer selbsttätigen Mediatisierung durch Selbstzweifel von innen heraus, ob der kleine Staat überhaupt genügend "Stoff und Kraft" (Karl Schädler) für eine Eigenexistenz besitze. Die Absorption entaktualisierte sich mit dem Scheitern der Deutschen Nationalversammlung." Mit dempreussisch-österreichischen Krieg von 1866 und dem Zerfall des Deutschen Bun­ des schied Österreich aus Deutschland aus. Liechtenstein war 1852 die Lösung aus der be­ drückenden wirtschaftlichen Isolation gelungen, indem es mit dem Kaiserreich Osterreich ei­ nen Zollvertrag abschliessen konnte. Die Auflösung des Deutschen Bundes (ohne Zustim­ mung Liechtensteins) war zugleich die Lösung der letzten staatsrechtlichen Bindung an Deutschland. Abgesehen davon, dass im 15. Jahrhundert ein Berner Geschlecht, die Herren von Brandis, Landesherren von Vaduz waren, trennte sich die liechtensteinische Geschichte bis ins 19. Jahrhundert hinein auch immer mehr von der schweizerischen Nachbarregion: "Auch dadurch, dass Liechtenstein in der Reformationszeit, im Unterschied zum westlichen und südlichen Nachbarn, katholisch blieb, wurde die getrennte Entwicklung begünstigt. Es ist aber zu vermerken, dass Liechtenstein seit dem 5. Jahrhundert bis heute zum Bistum Chur (das Fürstentum bildet heute ein eigenes Dekanat, A.W.) gehört. Seitdem die Fürsten von Liechtenstein Landesherren wurden und dieses von Wien aus regierten, war die Hinwendung zu Österreich noch ausgeprägter."'2 Es kommt neben anderen Verträgen vor allem zum Zoll­ vertrag mit Österreich-Ungarn im Jahre 1852 und zu einem Postvertrag. Aber im 19. Jahr­ hundert werden dann auch die sozialen und rechtlichen Beziehungen zur Schweiz intensi­ viert: "Die ersten Brücken über den Rhein werden gebaut, nachdem dieser weitgehend regu­ liert ist, Liechtensteiner beginnen in die Schweiz zu ziehen, um Arbeit zu suchen, und es ent­ steht der erste Niederlassungsvertrag zwischen den beiden Staaten."15 1862 erhielt Liechtenstein eine konstitutionelle Verfassung im Sinne des "deutschen Kon- stitutionalismus", allerdings als eine "vereinbarte" und nicht mehr oktroyierte Verfassung. Mit dem Untergang der Donaumonarchie im Jahre 1918 wurde die bereits vorher sich entfal­ tende Hinwendung zur Schweiz beschleunigt: "Die Verträge mit Österreich wurden gekün­ digt und Verhandlungen mit der Schweiz beginnen. 1923 kommt es zum Abschluss des Zoll­ vertrages, durch den Liechtenstein an das schweizerische Wirtschaftsgebiet angeschlossen wird. Der Franken wird schon zuvor autonom per Gesetz als Landeswährung eingeführt. ...In der Zwischenkriegszeit ist die einzige weitere aussenpolitische Aktivität Liechtensteins ein fehlgeschlagener Versuch, Mitglied des Völkerbundes in Genf zu werden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, etwa parallel mit seiner Industrialisierung, begann Liechtenstein wieder, sich in vermehrtem Masse für das restliche Europa zu interessieren."" Zuvor, im Jahre 1916, ist es zu einem Kuriosum gekommen; denn das Fürstentum Liech­ tenstein sollte nach einem Plan des deutschen, katholischen Politikers Matthias Erzberger dem Papst abgetreten werden; der Fürst wäre noch Statthalter des Papstes im Lande geblie­ ben. Liechtenstein wäre formal neuer Kirchenstaat geworden, ohne dass der Papst übergesie­ delt wäre: "Der Plan scheiterte an den Mitgliedern des Fürstenhauses, vor allem am Prinzen Franz (der später Fürst wurde), während der zu jenem Zeitpunkt regierende Fürst Johann IL, 11 Ebd., 62 ff. 12 N.v.Licchcensicin 1982, S. 4. iJ Ebd.. S. 4 f. '« Ebd., S. 5. 18
        

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