Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/191/
Rollenprofile und Politikstile Festzuhalten wäre schliesslich noch, dass eine effiziente 
Regierungsfähigkeit in politikwis­ senschaftlicher Sicht in der Nutzung formeller und informeller Instrumente besteht. Nach meinem Eindruck hat im Kleinstaat Liechtenstein insbesondere die 
Funktionalität informel­ ler Verhaltensweisen faktisch einen hohen Stellenwert. Dazu gehören Gespräche, Gruppen und Abläufe inner- und ausserhalb des politisch-administrativen Apparats, in Sonderheit informelle Festlegungen (von ad hoc-Absprachen bis hin zu bestimmten Konventionen), regelmässige Erwartungen (an die politischen Akteure sowie der Rollenträger untereinander) und beobachtbare Handlungsgewohnheiten/Grundmuster jenseits formeller Übereinkünfte und Spielregeln. Bis hin zu verbindlichen Vorabsprachen und "Quasi-Verträgen" ist in Liechtenstein eine enge Vernetzung gegeben, zumal in fast allen systemrelevanten Politikbe­ reichen stets nur 
eine Handvoll Personen die politischen und wirtschaftlichen Steuerungsfä­ den (verdeckt oder offen, partiell oder gesamthaft) in Händen halten und hierbei bei rezipro­ ken Vorteilen durchaus zusammenspannen.5* Ob die Freie Liste sich zukünftig von einer grossen Partei "ködern" lassen wird, ist eine offene, im Augenblick eher zu verneinende Frage. Die FL müsste allerdings auch ein Inter­ esse an der Regierungsbeteiligung entwickeln, um ihre Sachthemen und personellen Anliegen noch besser zu befördern. Die spezifische Crux liegt für sie darin, dass damit ein Identitäts­ und Glaubwürdigkeitsverlust verbunden sein könnte, und sie auf diese Weise ihre gerade errungene, ausbaufähige wie fragile Parlamentszugehörigkeit gefährden würde. Regierung und Landtag werden in der 1993 begonnenen Legislaturperiode auf jeden Fall ein neues, stär­ ker kontradiktorisches Zusammen- und/oder Wechselspiel erproben. Die Regierung wird einem gestärkten Parlament gegenüberstehen und sich auf kritischere Voten als bisher gefasst machen müssen. Das Regieren ist in Liechtenstein nicht einfacher, aber sicherlich interessan­ ter geworden. 59 Sollten die Probleme überhandnehmen oder wegen Arbeitsüberlastung resp. aus taktischen Gründen deklamatori­ scher statt konkreter Politik der Vorzug gegeben werden, steht der Regierung immer noch zumindest die Hoffnung auf eine Lösungsmöglichkeit aus der liechtensteinischen Sagenwelt parat; denn es greifen womöglich die "Wild- minnll* ein: "Neulich trafen zwei Kinder aus Triesen, die am Wangerberg Beeren suchten, das Bitzi und das Batzi. Bitzi und Batzi waren auch in die Brombeeren gegangen und hatten schon so viele davon gegessen, dass ihre Nasen ganz verschmiert waren. "Hoii grüssten die KindeT. Da sagten die Wildmannli auch 'Hoi' und kamen herbeigelaufen. Sie erzählten den Kindern, sie sich in nächster Zeit wieder öfter blicken lassen wollten und die Absicht hätten, schon demnächst einmal nach Vaduz zu kommen. Don wollten sie ins Regierungsgebäude gehen, um einmal richtig aufzuräumen und Ordnung zu schaffen. Alle Akten wollten sie ordnen, alte Anträge, die schon jahrelang unbearbei­ tet herumlägen, bearbeiten und vor allen Dingen wollten sie bessere Gesetze machen, denn dazu sei es wirklich aller­ höchste Zeit. - Das meinten die beiden Wildmannli Bitzi und Batzi. Wahrscheinlich werden sie in der Nacht ins Regierungsgebäude kommen und dort bis zum frühen Morgen schaffen. Wenn die Liechtensteiner dann am nächsten Morgen aufwachen, sind sie alle Probleme los, und die Herren Regierungsräte brauchen sich keine Gedanken und kein Kopfzerbrechen mehr zu machen." (Wildmannli 1972, S. 6). 189
        

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