Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1994
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000060765/17/
Genereller Kontext heit" mitklingt, "ob denn hier nicht 
ein Operettenhaftes Überbleibsel 
längst verflossener feudaler Zeiten als rentable Touristenattraktion konserviert werde". Disneyland in den Alpen?6 Ein liechtensteinischer Gewährsmann und ehemaliger Kabinettsdirektor des Fürsten lässt die Liechtensteiner diesen Fragestellern - die im "Ländle" selbst ebenso spöttisch "Car- und Business-Touristen* genannt werden - so antworten: "Der Liechtensteiner reagiert stolz und verärgert zugleich. Er verweist auf die in der Verfassung festgelegte Staatsform einer 'konstitutionellen Erbmonarchie auf demokratischer und parlamentarischer Grundlage'. Die demokratischen Rechte seien voll ausgebaut, das Staatswesen funktioniere ausgezeichnet. Die Volkswirtschaft blühe, der Industrieexport steige stetig, die sozialen Einrichtungen würden ständig verbessert. Kurzum, dem Liechtensteiner sei es noch nie so gut gegangen."7 Wir wissen nicht und halten es für fraglich, ob alle Liechtensteiner durchgängig diese Ant­ wort geben und ihre Wohlstandssituation in dieser Weise einschätzen würden, aber immerhin sind die politischen Strukturen angesprochen, um die es uns in dieser Arbeit vornehmlich geht. Daneben ist es wenig wahrscheinlich, dass der flüchtige Besucher überhaupt auf einen "Inländer" trifft; denn im Gaststätten- und Beherbergungsbereich arbeiten vorwiegend aus­ ländische "Grenzgänger" und Saisonniers, und die Liechtensteiner selbst bleiben weithin un­ ter sich. Auch wird unser fragender Tourist meist nur den Hauptort Vaduz (4874 Einwohner) mit dem Schloss, Regierungsgebäude, der Pfarrkirche, dem Postamt und einigen Museen so­ wie bestenfalls Teile des Oberlandes mit dem besagten "einen Blick" einfangen oder streifen. Ein wenig mehr wird er sehen, wenn er zum Skion Malbun fährt, wo es auch im Sommer sehr schön ist. Aber es wäre die sich anbietende Vermutung schlicht falsch, der bereits unser fik­ tiver Liechtensteiner implizit widersprochen hat, man sei vorrangig auf den Fremdenverkehr angewiesen, zumal der im Land verweilende Urlauber durchschnittlich unter einer Woche bleibt, mit etwa zwei Nächtigungen. Dagegen ist das Fürstentum Liechtenstein heute gesamthaft ein moderner und aufstreben­ der Industrie- und Dienstleistungsstaat. In Zahlen ausgedrückt liegen die Beschäftigungsan- teile nach Wirtschaftssektoren in Liechtenstein im primären Sektor (Land- und Forstwirt­ schaft sowie Gartenbau) bei 1,7 Prozent, im sekundären Sektor (Industrie, produzierendes Handwerk und Gewerbe) bei 51,1 Prozent und im stark anwachsenden tertiären Sektor ("Trend zur Dienstleistungsgesellschaft") bei 47,2 Prozent. Die liechtensteinische Exportin­ dustrie, die 1950 noch Waren im Werte von gerade 15 Millionen Franken ausführte, konnte 1991 einen Exportwert von 2246 Millionen Franken ausweisen. Die Exportindustrie ist mit rd. 7000 Arbeitnehmern der bedeutendste Arbeitgeber im Lande und beschäftigt allein im eu­ ropäischen Ausland mehr Personen als im Inland, weltweit sogar mehr als 12000 Personen. Liechtenstein kennt nur eine geringe Arbeitslosigkeit - allerdings waren Ende Juli 1992 im­ merhin schon 151 Ganzarbeitslose registriert, so dass auch in Liechtenstein dieser Problem­ bereich nicht mehr lange ausgenommen sein wird8 - und auch keine Streiks. Der ausgelaugte Arbeitsmarkt ist im Gegenteil auf ausländische Gastarbeiter und Experten angewiesen, wor­ aus eine gewisse "Überfremdungsproblematik" resultiert. * In einer Sabena-Bordzeitung 1990 hiess es in bezug auf Vaduz und Liechtenstein: "a 
Disneyland look-a]ike Castle 
and a parliament of 15 farmers". - Liechtenstein hat mannigfache Assoziationen erfahren. So als "brüllende Maus" in An­ lehnung an das satirische Märchen über Grand Fenwick von Wibberlev 1954, vgl. Pio Schurti, " Vas Liechtenstein und Grand Fenwick gemeinsam ist", in: Liechtensteiner Volksblatt vom 24.8.1989. - Das Rassemblemeni Jurassien (RJ) hat das Fürstentum Liechtenstein als Beispiel für die Idee eines von der Schweiz unabhängigen Juras gewählt, siehe Basler Zeitung vom 28-3.1989. - Die "liechtensteinische Option" in bezug auf die Vertragsgemeinschafi und Partnerschaft mit der Schweiz wird auch als Lösungsmodell für eine Konföderation zwischen einem palästinensischen Staat und Israel betrachtet, als "Ei des Kolumbus" im Hinblick auf einen Modus vivendi im Nahen Osten, so Guido Frei, ehe­ maliger Programmdirektor des Femsehens DRS, in: Jüdische Rundschau Maccabi, Nr. 17 vom 26. April 1990, S. 13 ff. 7 Zit. nach Roben Allgäuer, in: Die Wckwoche vom 4.8.1976, S. 35. 8 Am 31. März 1993 waren sogar 201 Gesarmarbeiislose registriert, wodurch die Arbcitslosenquote auf knapp I Prozent angestiegen ist. Hinzu kamen 118 Kurzarbeiter. 1992 hatten überdies etwa dreihundert Grenzgänger ihre Stelle in Liechtenstein aufgegeben. 15
        

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