Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/77/
Ursula Germann-Müller b) Vierte Rede (Disentis) Peter Kaiser hebt seine Bildungsidee von zwei Gegenpositionen ab. Die eine Rich­ tung vertritt offenbar die Auffassung, die Bildungsinstitutionen wirkten dem Glau­ ben und der Religion entgegen und züchteten Hochmut, die andere beurteilt den Wert der Bildung nach ihrem praktischen Nutzen. "Viele haben Scheu vor der Bil­ dung und Bildungsanstalten, indem sie Gefahr für Religion, Gefahr für vaterländi­ sche Sitte und Gebräuche darin erblicken und meinen: der Mensch könne ohne Bil­ dung glücklich sein, und um in den Himmel zu kommen, brauche man weder son­ derlich gebildet noch aufgeklärt und gelehrt zu sein. Und -wenn dies schon unter gewissen Bedingungen nicht unwahr ist, so liegt doch kein hinreichender Grund darin, der allgemeinen Erfahrung der edlesten Menschen und Völker aus allen Zeit­ altern der Geschichte zu widerstreiten." Sicher gibt es Beispiele von falscher Bildung, die in Ubermut und Stolz ausartet. "Die wahre Bildung und Wissenschaft dagegen ist zu erkennen an der Demuth; der wahrhaft gebildete Geist ist auf sein Wissen nie stolz, er überhebt sich nicht über andere, verachtet niemand auch den Geringsten nicht" Kaiser legt nun dar, wie jedes Fach, das sich um echte Bildung bemüht, gemein­ same Ziele mit der Religion hat. Religion hat mit Erkenntnis und mit Ausübung zu tun. Der zweite Teil ist der schwierigere, weil er verlangt, dass wir gegen den Eigen­ nutz ankämpfen. ° Wie nun die Religion in ihrer Ausübung den Menschen veredelt, so veredelt die Bildung im allgemeinen, so jeder einzelne Unterrichtszweig, den Geist, sobald er wahr behandelt wird. Und in der That, wenn der Zweck der Bil­ dung nicht Selbstvervollkommnung, Veredlung wäre und ihr ganzes Wesen darauf abzielte, so wäre sie keine Wohlthat, sie wäre nicht ein Segen, sondern ein Fluch!" Weil jeder Unterrichtszweig sich einerseits mit einem Gebiet befasst, dessen Ursprung göttlich ist, und andererseits die langandauernde Anstrengung, die das Fach den Schüler kostet, diesen veredelt, so rückt jedes Unterrichtsfach in die Nähe der Religion. Vervollkommnung des Menschen ist ein so hoher Wert, dass die Frage, inwieweit die einzelnen Fächer für das spätere Leben nützlich seien, in den Hintergrund tritt. "Darum erblüht der Segen des Himmels dem Volke, das die Bildung liebt und über alles hoch hält." Wir lernen in dieser Rede Peter Kaiser als einen jener Begründer der heute noch angesehenen 'gymnasialen Bildung' kennen, denen es nicht primär um den praktischen Lebensnutzen, sondern um vielseitige Erkenntnisse und um Vered­ lung des Zöglings geht. Wenn man sich daran erinnert, dass es in Disentis neben dem Gymnasium auch eine Realabteilung und in sie integriert eine Lehrerbildung gab, ist wohl anzunehmen, dass der Rektor am meisten für den Gedanken der All­ gemeinbildung um Verständnis werben musste. Vielleicht ist es aber auch der Leh­ rer, der alte Sprachen unterrichtet und sich gerade in den Disentiser Jahren selber als unermüdlicher Erforscher der bündnerischen Geschichte und der rätoromanischen Sprache betätigt, der sich hier zu Wort meldet. Für ihn persönlich war sicher sein sorgfältiges wissenschaftliches Suchen, Sichbemühen und Arbeiten eine Form von Gottesdienst. 86
        

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