Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/73/
Ursula Germann-Müller ben, und keine Thräne wird bei meinem Tode fallen"", steht isoliert und ohne wei­ tere Erklärung in dem erwähnten Brief, und schon geht Kaiser dazu über, die Tätig­ keit des Freundes zu loben, der sich wie Kaiser einsetzt für eine würdige Verbrei­ tung von Pestalozzis Ideen und Methoden. Er schreibt: "Solche Ideen mögen als lebendige Zeichen erhalten werden, und nur von dieser Seite soll man die Anstalt betrachten. Alle Werke von Menschenhand sind dem Wechsel unterworfen, wer unterlag, mag wieder den Sieg erringen; ein zehnjähriges Zetergeschrei kann durch ein zehnjähriges stummes und erfolgreiches Wirken wieder zum Schweigen gebracht werden.""' Der Adressat dieses Briefes ist Christian Friedrich Wurm (1803-1859), damals zwanzigjähriger Student der TheoJogie in Tübingen, der wie Kaiser, begei­ stert von Pestalozzis Schriften, nach Yverdon gekommen war. Wurm hat eines der heute besonders hochgeachteten Bücher Pestalozzis, nämlich das einzige, das zusammenhängend dessen Gedanken über die Erziehung des Kleinkindes darstellt, ins Englische übersetzt. Während das deutsche Manuskript verloren ist, blieb die Übersetzung erhalten. Es handelt sich um 34 Briefe an einen Engländer namens James P. Greaves12, der einige Zeit an Pestalozzis Institut unentgeltlich Englischun­ terricht erteilt hatte und später in England bedeutende Persönlichkeiten, vor allem den Premierminister, Lord Liverpool, für Pestalozzis Ideen der Volkserziehung zu gewinnen suchte. Greaves (1777-1842) führte ein heiligmässiges Leben und neigte zur Mystik. In den Briefen an Greaves begegnet der Leser manchen Formulierun­ gen, die Pestalozzi oder möglicherweise auch der Ubersetzer dem Ideengut des Empfängers angepasst hat. Ein zentraler Gedanke ist der folgende: In der Liebe zwischen Mutter und Kind findet eine Offenbarung Gottes statt. Damit die gött­ liche Bestimmung des Kindes sich entfalten kann und es nicht hineingezogen wird in das glücklose Leben, das die meisten Erwachsenen auch bei äusserem Glänze führen, muss es der Mutter bewusst werden, was für eine hohe Berufung ihr zukommt. Sie tut gut daran, sich immer wieder auf die ihr von Gott anvertraute Aufgabe zu besinnen und vor dem Handeln und nach dem Handeln eine Pause der Reflexion einzuschalten. Peter Kaiser hat auch später noch mit Wurm, der Professor für Geschichte am Akademischen Gymnasium in Hamburg geworden war, korrespondiert; er ist ihm wieder begegnet im Parlament von Frankfurt, wo beide Abgeordnete waren, Wurm von Württemberg, Kaiser von Liechtenstein. In manchen Reden und Aufsätzen Peter Kaisers gibt es Sätze, die an die von Wurm übersetzten Pestalozzibriefe erin­ nern. Pestalozzi legt der Mutter nahe, durch Pausen das Tun zu unterbrechen, nach­ zudenken und vorauszudenken und sich so vor unüberlegten Reaktionen zu schüt­ zen. Nur aus der Ruhe heraus kann sie die göttliche Bestimmung des Kindes erken­ nen. Auch für Kaiser sind Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung der Boden, auf dem erst eine schöpferische Begegnung zwischen Lehrendem und Lernendem sich ereignen und Freiheit des Geistes gedeihen kann. So wird auch im Unterricht eine " Peter Kaiser, Brief vom 5. Juli 1823, a.a.O., S. 26. '"Ebd. 12 Johann Heinrich Pestalozzi, Letters on early education addressed to J. P. Greaves. Translated from the German Manuscript, 1827, Sämtliche Werke, kritische Ausgabe, Band XXVI, Zürich 1975. Die Briefe sind datiert vom 1. Oktober 1818 bis zum 12. Mai 1819. Christian Friedrich Wurm (1803-1859), der Greaves persönlich gekannt hat, wurde in den Jahren 1822 bis 1823 von Pestalozzi mit der Überset­ zung der Briefe ins Englische beauftragt. 82
        

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