Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/70/
Kaisers pädagogische Wirksamkeit mörderinnen hinrichtete, ohne den Ursachen ihres Elends und Verbrechens nach­ zugehen. Pestalozzi schreibt: "O weh! wie muss ich vom Menschen reden, vom Menschen, von dessen innerer Würde, von dessen erhabener Bestimmung ich so unaussprechlich überzeuget und gewiss bin, vom Menschen, dessen innere Natur auch im Grab des Erdelebens nicht stirbt, sondern ihre Göttlichkeit und ihr höch­ stes Wesen selbst durch die Greuel aller Menschenthaten hindurch erhält. - Wie muss ich vom Menschen reden, der das Ebenbild seines Gottes seyn könnte, und vom armen Bauren, der das geliebte, erleuchtete Kind seines Vaters seyn sollte."4 Jeder Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, und in jedem ist eine von Gott gegebene Kraft, sich zu diesem Bild emporzuheben. Erziehen heisst: im Menschen diese göttliche Kraft beleben. Nicht die Modebewegungen der Zeit oder der Lebensstil der Erwachsenen dürfen das Ziel der Erziehung setzen. Pestalozzi sagt in der Rede an sein Haus vom Neujahrstag 1809: "Es ist ferne von uns, aus Euch Menschen zu machen, wie wir sind. Es ist ferne von uns, aus Euch Menschen zu machen, wie andere sind. Ihr sollt an unserer Hand Menschen werden, wie Euere Natur will, wie das Gött­ liche, das Heilige, das in Euerer Natur ist, will, dass Ihr Menschen werdet."5 Wie ergreifend ist es, dass der aus Zürich stammende evangelische Pestalozzi und der in katholischer Religiosität beheimatete Liechtensteiner Peter Kaiser sich gerade in diesem religiösen Kern ihres pädagogischen Anliegens und Menschenbildes nahe sind. Dem Programm der katholisch-bündnerischen Kantonsschule in Disentis vom Jahre 1839 hat Rektor Peter Kaiser 'Einige Worte über Erziehung und Unterricht* vorangestellt. Dort lesen wir: °Die Erziehung folgt dem Grundsatz: 'Liebe Gott über alles und Deinen Nächsten wie Dich seihst.' Der erste Satz enthält die Anerkennung eines Höheren, was üher dieses Leben hinausgeht, eine Erhebung zum Unendlichen. Diese Erziehung wäre auch nicht wahr, wenn sie nicht auf das Unendliche bezogen würde, auf Gott, und in dem zu Erziehenden ein Ebenbild Gottes anerkennte, was der zweite Satz ausspricht, der dem ersten gleich ist. Eben der Bedürftige, der Elende ist uns der Nächste, und wer ist hilfloser und bedürftiger als ein Kind<"6 Wie Pestalozzi warnt Peter Kaiser davor, sich dem Zeitgeschmack anzupassen. Er schreibt: "Am besten wird eine Anstalt, die auf einem ganz anderen Grunde als den Meinungen des Tages ruht, verfahren, wenn sie ohne Menschenfurcht, aber in Got­ tesfurcht ihren geraden Gang vorwärts geht, unbekümmert um jene Massstäbe, die nur für ihre Träger passen und das Nützlichkeitsprinzip, das wie ein Gespenst in dem blühenden lebensvollen Garten der Jugend herumtappt, um die Blüten, die sich nach dem Lichte sehnen, mit in den kalten Schoss der Erde hinabzuziehen. Bildung ist keine Dressur oder Ablichtung zu gewissen äusseren Zwecken des Lebens V Wie verträgt sich diese Absage an das 'Nützlichkeitsprinzip* mit den Ehrbezeu­ gungen, mit denen Pestalozzi in vielen Briefen versuchte, einflussreiche Leute für seine Idee der Armenerziehung zu gewinnen, oder mit der geschickten Diplomatie 4 Johann Heinrich Pestalozzi, Über Gesetzgebung und Kindermord. Wahrheiten und Traume, Nach­ forschungen und Bilder, geschrieben 1780, herausgegeben 1783, Sämtliche Werke, kritische Ausgabe, Band IX, Zürich 1930, S. 70. J Johann Heinrich Pestalozzi, Rede am Neujahrstag 1809, Sämtliche Werke, kritische Ausgabe, Band XXI, Zürich 1964, S. 226. 6 Peter Kaiser, Einige Worte über Erziehung und Unterricht. Aus dem Programm der katholisch-bünd­ nerischen Kantonsschule in Disentis vom Jahre 1839, Separatdruck, S. 8. Handschriftliches Original in der Kantonsbibliothek Graubünden. 7 Peter Kaiser, a.a.O., S. 4. 79
        

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