Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/56/
Entdeckung des liechtensteinischen Volkes ren liechtensteinischen Familien wird in dem Buch sehr deutlich und war Kaiser sicher auch bewusst. Aber damit hat er gewiss kein Problem gehabt, für ihn sind Eigentum, Familie und Glaube die entscheidenden Grundlagen der Gesellschaft - das liechtensteinische Volk ist also für ihn ein Volk der Hausväter und Eigentümer. Ganz offensichtlich, dass Knechte, Gesellen und Tagelöhner, von den Frauen ganz zu schweigen, nicht dazu gehören, so sehr Peter Kaiser auch von Gemeinde und Gemeindeeigentum spricht. Es sind also die Eigentümer, die sozusagen Anteil am Staat haben und das Volk verkörpern. Damit aber wird die Brücke von der altstän­ dischen zur altliberalen Gesellschaft deutlich. Unzweifelhaft hat der Eindruck der vorbundesstaatlichen Schweiz hier mitgespielt, wie so oft bei Kaiser - allerdings hätte dieses Bild auch in Österreich und im übrigen Deutschen Bund keine beson­ dere Überraschung ausgelöst. Denn die Mitsprache der Notabein stimmte überein mit der vorherrschenden Strömung der Zeit. Mit Kontinuität, Tradition, herausgehobener Stellung und Erfahrung hatten sie sogar ein Stück gemein mit der aristokratischen Welt, in der sie immer noch lebten. So sah auch Kaiser das liechtensteinische Volk verkörpert in sei­ nen Notabein, die sozusagen in seinen Augen ein kleines Stück Gleichberechtigung mit dem Fürsten gewonnen hatten. Ein Geschichtsbild, das den fürstlichen Beam­ ten keineswegs gefallen konnte! In seinen Notabein aber wurde dem Volk eine eigene Würde zugesprochen - Kaiser war also kein Demokrat. Aber in der Ent­ wicklung des 19. Jahrhunderts, mit seinem Demokratisierungsprozess, wirkte die Bresche weiter, die er geschlagen hatte - der Begriff des Volkes wurde immer brei­ ter gefasst und immer mehr wurden ihm zugerechnet, so dass Peter Kaisers Ent­ deckung des liechtensteinischen Volkes schliesslich doch für alle wirkte. Betrachtet man also lediglich seine liechtensteinische Geschichte, so hat sie für die damals im Lande politisch massgeblich Gruppe, nämlich für die Liechtensteiner Notabein, massgeblich gewirkt; die Berufung auf das liechtensteinische Volk verhalf dessen Wortführern zu einem neuen Selbstbewusstsein. In der Herausbildung der Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts spricht man von den Erweckern der Völ­ ker, die sehr oft Historiker waren. Hans Kohn apostrophierte sie in einem Werk, das vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren sehr verbreitet war, als "Pro­ pheten ihrer Völker".41 Gewissermassen ein Erwecker und Prophet war Peter Kaiser für das kleine Volk von Liechtenstein, das mit erstaunlicher Gelassenheit den schwierigen Identitätsfindungsprozess zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz, der Habsburger Monarchie, der deutschen Nationalbewegung und dem Schweizer Nachbarn bewältigt hat. Das entscheidende Verdienst von Peter Kaiser ist also seine Rolle für die Stiftung einer liechtensteinischen Identität. Sie war nicht nur auf den Fürsten, sondern auch auf das Volk begründet, das er sich selbst finden half. Peter Kaisers Beschwörung des liechtensteinischen Volkes konnte 1847 natürlich die Stellung des Fürstenhauses mit seiner Verankerung in der Habsburger Monar­ chie unmittelbar in keiner Weise antasten. Überdies gab es ja eine direkte Kritik Kaisers kaum; die Geschichte des Fürstenhauses selbst zeichnete er mit respektvol- ° Hans Kohn, Propheten ihrer Völker. Mill, Michelet, Mazzini, Treitschke, Dostojewski. Studien zum Nationalismus des 19. Jahrhunderts, Bem 1948. 63
        

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