Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/55/
Volker Press von Brandis und der Grafen von Sulz, die mitten unter den Untertanen gelebt hat­ ten und von ihnen geliebt wurden, stellte er die absolutistische Tyrannei der Grafen von Hohenems gegenüber. Für den Absolutismus zeigte Kaiser wenig Verständnis - dazu kann man kritisch anmerken, dass diesem durchaus eine modernisierende Kraft innewohnte, wenn auch, was manche Verfechter des starken Staates übersa­ hen, auch diese Veränderungen ihren hohen Preis hatten.39 Das Verhalten der letzten Hohenemser allerdings machte die Kritik am Absolutismus leicht. Gleichwohl war es keineswegs immer so, dass in den Auseinandersetzungen zwischen den Land­ schaften und den Hohenemsern das Recht stets auf der Seite der Landschaften stand. Doch dies ist ein weites Feld, so dass hier nur angedeutet werden kann, dass Peter Kaiser, der das Alte Reich so hoch hielt, hier wenig auf das Reichsrecht geach­ tet hat und sich fast immer den begrenzten Standpunkt der heimatlichen Land­ schaften zu eigen machte. Hier scheint eine tiefe Wurzel von Kaisers Skepsis gegenüber den Zentralisierungsbemühungen der Paulskirche und seinem endlichen Bekenntnis zum Kleinstaat zu liegen. Die verfassungspolitische Leitlinie wird unterlegt durch die immer wieder einge­ fügten Schilderungen über Naturereignisse, über Krieg und Seuchen, Not und Bedrohung, wo doch das relativ arme Land ohnehin schon durch Rheinüber­ schwemmungen und Rüfen, harte Winter, Missernten und Tiersterben geplagt wurde. Aber Kaiser jammert nicht - die Würde des Volkes bleibt immer im Blick, selbst als er vor den Abgründen der Hexenverfolgungen des 17. Jahrhunderts stand, die Kaiser eindringlich und abschreckend schilderte.40 Er setzt ihnen nicht nur das bessere Verständnis des aufgeklärten Katholiken entgegen, sondern hat auch Mitleid mit den Vätern, die dem aufgewühlten Aberglauben noch nicht in der Gelassenheit eines sicheren Glaubens an den Heiland begegnen konnten. Durch Otto Segers Forschungen wissen wir sehr viel mehr,41 aber Kaiser hat die wichtigsten Faktoren der Hexenverfolgungen, vor allem die Habgier der Grafen von Hohenems, die schliesslich die ganze Gesellschaft korrumpierte, herausgearbeitet. Es wird die dra­ matische Lebenssituation der frühen Neuzeit deutlich: die österreichische Besat­ zung auf dem Gutenberg zog immer wieder den Krieg förmlich auf sich, aus dem Norden stiessen 1647 sogar die Schweden ins Land vor.42 
Aber Kaiser schilderte auch, wie die beiden Herrschaften ein Defensionswerk entwickelten, das allerdings dem vorarlbergischen faktisch angegliedert wurde, und wie die Vaduzer und Schel- lenberger immer wieder ausrückten, um das Vaterland zu verteidigen. Der Pädagoge Peter Kaiser hat ein überaus pädagogisches Buch geschrieben. In ihm fand sich das Volk Liechtensteins wieder, und zwar als Subjekt der Geschichte. Der liberale Grundzug ist unverkennbar. Der moderne Historiker, sozialgeschicht­ lich sensibilisiert, bemerkt, dass Kaiser eine oligarchisch strukturierte Gesellschaft schildert und sie mit dem Volk gleichsetzt. Die ungeheuere Kontinuität der grösse­ 39 Zum Absolutismus zuletzt: Johannes Kunisch, Absolutismus. Europäische Geschichte vom West­ fälischen Frieden bis zur Krise des Ancien Regime, Göttingen 1986; Heinz Duchhardt, Das Zeitalter des Absolutismus, München 1989. ° Kaiser, Geschichte 1, S. 352 f., 393-399. 41 Otto Seger, Der letzte Akt im Drama der Hexenprozesse in der Grafschaft Vaduz und Herrschaft Schellenberg, in: JBL 57 (1957), S. 135-227; Ders., Aus der Zeit der Hexenverfolgungen, in: JBL 59 (1959), S. 329-349; Ders. u. Peter Putzer, Hexenprozesse in Liechtenstein und das Salzburger Rechts­ gutachten 1682, St. Johann u.a. 1987. Kaiser, Geschichte 1, S. 392. 62
        

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