Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/45/
Peter Kaiser als Politiker Sprecher auf.11 Als 1848 die Gesellschaft in Bewegung geriet, standen die Gebildeten wie selbstverständlich an deren Spitze. In Liechtenstein kamen für diese Führungs- rolle nur wenige Männer in Frage. Sie mussten gebildet sein, durften jedoch nicht im Dienste des Fürstenhauses stehen. Denn Beamten stand man überall mit Miss­ trauen gegenüber. In Liechtenstein wurden sie zu Beginn der Revolution sogar aus­ getrieben.32 Ausserhalb des Staatsdienstes gab es aber für Akademiker noch kaum Berufe. So wundert es nicht, dass dem dreiköpfigen Landesausschuss, den die Gemeindeausschüsse im März 1848 als Lenkungsgremium wählten, nur zwei Aka­ demiker angehörten, die in Liechtenstein tätig waren": die in Vaduz ansässigen Ärzte Dr. Ludwig Grass und Dr. Karl Schädler, der Kaisers Paulskirchenmandat übernahm, als dieser es niederlegte.* Für Kaiser hätte es in Liechtenstein noch kei­ nen angemessenen Arbeitsplatz gegeben, denn das Schulwesen des Fürstentums reichte über die Elementarschule noch nicht hinaus." Peter Kaiser, obwohl bis dahin als politisch Handelnder nicht hervorgetreten, erfüllte gleichwohl in geradezu idealer Weise alle Anforderungen, die jemand mit­ bringen musste, wenn er im Revolutionsjahr 1848 im Fürstentum Liechtenstein eine politische Führungsrolle übernehmen sollte: Er gehörte zu den wenigen Akademi­ kern, die aus diesem bäuerlich geprägten Land stammten, und er stand nicht im fürstlichen Dienst, sondern war als Professor einer Schweizer Kantonsschule allen beruflichen Disziplinierungsmoglichkeiten durch die Behörden Liechtensteins ent­ zogen. Er war schon vor 1848 als ein Kenner der Geschichte Liechtensteins hervor­ getreten, und er hatte sie in einer Weise erzählt, dass aus ihr politische Mitwirkungs­ ansprüche des Volkes geschöpft werden konnten. Er setzte sich dafür ein, den Deut­ schen Bund, diese Vereinigung von Fürsten, in einen nationalen Verfassungsstaat zu verwandeln, doch er wollte keinen Zentralstaat, sondern die Gemeinden sollten gestärkt werden, und vor allem befürwortete er entschieden die historisch gewach­ sene föderative Vielfalt Deutschlands unter österreichischer Führung.* Sein Reichs­ nationalismus" fügte sich in die Grundbedingungen der staatlichen Existenz Liech­ tensteins ein, die "Umklammerung durch Österreich" wie Volker Press es einmal genannt hat.38 Zugleich aber war dieser Reichsnationalismus ein Versuch, sich in die bürgemim". Begriffs- und Dogmengeschichte eines Etiketts (Industrielle Welt, Bd. 43), Stuttgart 1986; Rainer M. Lepsius, Bürgertum als Gegensund der Sozialgeschichte, in: Wolfgang Schieder u. Volker Sellin (Hg.), Sozialgeschichte in Deutschland. Entwicklungen und Perspektiven im internationalen Zusammenhang, Bd. IV: Soziale Gruppen in der Geschichte, Göttingen 1987, S. 61-80. Vgl. weiterhin Jürgen Kocka (Hg. unter Mitarbeit von Ute Frevert), Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, 3 Bde., München 1988; Jürgen Kocka (Hg.), Bürger und Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Götiingen 1987. 51 Vgl. Dieter Langewiesche, Bildungsbürgerrum und Liberalismus im 19. Jahrhundert, in: Kocka (Hg.), Bildungsbürgertum (wie Anm. 27), S. 95-121. 32 Vgl. Geiger (wie Anm. 2), S. 74 ff. " Ebd. S. 59. ** Ebd. S. 141 ff. » Ebd. S. 35. * Vgl. etwa sein Schreiben an seine Landsieute, als er sein Mandat in der Paulskirche niederlegte. Kind nennt es zu Recht sein politisches Testament; abgedruckt bei Kind (wie Anm. 19), S. 32-36. i7 Vgl. zu dieser bisher zu wenig erforschten Variante der deutschen Nationalbewegung im 19. Jahrhun­ dert Dieter Langewiesche, Reich, Nation und Staat in der jüngeren deutschen Geschichte, in: Histo­ rische Zeitschrift 254, 1992, S. 341-381. 31 Volker Press arbeitet die Entwicklung Liechtensteins markant heraus in seinem in Anm. 3 zitierten Aufsatz (Zitat S. 106). 51
        

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