Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
17
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000058377/37/
Politisches Wirken Kaisers Originalausgabe von 1847 zu besitzen - einen "echten Peter Kaiser" -, wird mit weihevoll gedämpfter Stimme mitgeteilt, das Buch hat im Lande fast Bibelwert. Von Kaiser wird mit Respekt, ja im Tone der Verehrung gesprochen. Ihm - oder besser seinem Bilde - eignen Züge des "Helden", der weit über das gewöhn­ liche Mass hinaus für sein Volk kämpfte, als Volksheld, Revolutionsheld; Züge auch des politischen Ratgebers, des "Weisen" und Propheten, der den rechten Rat für Zeit und Zukunft wusste; ja, Züge des politischen "Heiligen" der Recht und Gerechtigkeit mit Frömmigkeit vereinte. Helden, Weise, Heilige: Das sind Über­ figuren. Als solche Überfigur wurde und wird Peter Kaiser im 20. Jahrhundert im Lande wahrgenommen. Inwiefern aber Mythos? Ein Mythos erklärt sagenhaft den Ursprung und das Werden eines Volkes oder Staates oder bestimmter Zustände desselben. Jedes Volk kennt und schafft sich solche erklärende, vereinfachende Mythen, positive und andere, alte und neue, etwa Teil, Bruder Klaus, Washington, Andreas Hofer, Peter Kaiser. Durchaus historische Persönlichkeiten werden zu mythisierten Autoritäten, zugleich zu Identitätsfiguren und als solche nötig. Gerade der vorhin beschriebene Rückgriff auf Peter Kaiser während der existentiell bedrohlichen Zeit des Zweiten Weltkrieges zeigt, wie man auch den modernen Mythos schafft und nutzt, um in der eigenen Zeil Bestätigung wie Orientierung zu gewinnen. Wie kann man mit solchen modernen Mythen oder Mythisierungstendenzen umgehen? Müssen wir sie entlarven, etwa Peter Kaiser aur einen tieferen Sockel stellen? Gewiss nicht. Vielmehr gilt es, historische Wirklichkeit und mythische Überhöhungen kennenzulernen und auseinanderzuhalten. Die eingehende Beschäf­ tigung mit Peter Kaiser ist eines, die Beobachtung der Art und Weise, wie man mit ihm und seinen Ideen zu bestimmten Zeiten umgeht, ein anderes. Im letzteren Falle befasst man sich eigentlich mit der späteren und der eigenen Welt. Dass Peter Kaiser im 20. Jahrhundert zur mythischen Überfigur in Liechtenstein - und nur hier, anderswo kennt man ihn kaum - werden konnte, möchte ich mit vier Gründen erklären. Erstens hatte Liechtenstein aus früheren Zeiten keine bekannten positiven Helden verfügbar. Zweitens übte Peter Kaiser insbesondere in seinem politischen Wirken in seiner Zeit und über sie hinaus einen unbestreitbar grossen, vorbildhaften Einfluss aus. Drittens bedurften die Liechtensteiner, die seit den Umwälzungen nach dem Ersten Weltkrieg immer wieder innere und äussere Unsicherheit und Gefährdung erlebten, der Orientierung, und solche fanden sie bei Peter Kaiser. Viertens schliesslich - und im Unterschied zu liechtensteinischen Per­ sönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, welche der Mythisierung auch unterliegen - hat Peter Kaiser nicht polarisierend, sondern ausgesprochen integrierend gewirkt. Den dauernd auf Identitätssuche gewiesenen Liechtensteinern bot sich deshalb Peter Kaiser geradezu an: als identitätsstiftende, positive politisch-historische Integra­ tionsfigur. In diesen Wirkungen liegt denn, neben dem realen historischen Peter Kaiser, auch ein Teil der Faszination, die von ihm bis heute ausgeht und die uns auch hier zusammengeführt hat. 41
        

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