Marxer ist Corsanini sehr verbunden, weil er das traditionelle Bildhauerhandwerk 
bei ihm ausbauen konnte und heute noch um seinen Beistand froh ist. Mit seinem 
Hut aus Zeitungspapier geht Corsanini von einem Künstler zum andern, legt da 
Hand an, gibt dort einen Rat — unaufdringlich in seiner Präsenz strahlt er die Ei- 
genschaft der Bildhaner aus: Sein-lassen. Bildhauerinnen und Bildhauer aus ver- 
schiedenen Nationen arbeiten dort inmitten von Lärm und Staub, jeder für sich und 
doch in einer Atmosphäre, die das Gemeinsame betont. Gespräche gehören so sehr 
dazu, wie das nonverbale, spürbare Dasein jedes Einzelnen. In diesem kommunika- 
tiven Umfeld fühlt sich der Bildhauer Marxer bestärkt, seinem Weg treu zu 
bleiben. 
Gegenüber der Werkstatt ist eines der vielen Marmorlager, wo Künstler “ihren” 
Stein aussuchen können. Wenn es jedoch Marmor mit besonderer Struktur oder von 
besonders grossen Ausmassen sein soll, fährt Marxer den schmalen Weg zu den 
Marmorbrüchen hinauf. 
Hier, in einem dieser 120 Briiche verkommen Lastwagen und Menschen zu Spiel- 
zeuggrôssen. Blocke werden aus dem Berg geschnitten, stehen einzeln oder noch an 
den Berg verhaftet. Man geht auf Marmor, ist von Marmor umgeben, wohin das 
Auge blickt, sieht es Marmor. Dort, meint Marxer, käme er sich sehr klein vor — dort 
melde sich eine Bescheidenheit, die ihm gut tun würde... 
In der Terminologie des Marmorabbaues wird von “Marmorernte” gesprochen. Das 
mag auch den uralten Respekt vor diesem Stein ausdrücken. Marmor wird auch un- 
tertage geerntet, was in seiner Konsequenz gigantische Ausmasse annımmt. Der 
Berg wird geöffnet, blockweise werden riesige “Würfel” und Platten herausgenom- 
men. Das Berginnere präsentiert sich als Riesenhalle mit Ecken und Winkeln, wie 
Architekten sie erst ersinnen müssten. Der Lichteinfall verstärkt das Szenarium ... 
die Assoziation von Opernaufführungen drängt sich auf. 
Der Himmel ist bewölkt, es windet und ist ungemütlich kalt. Trotzdem ist das Licht 
in der Werkstätte sehr intensiv. Der weisse Marmor blendet wie Schnee. Marxer ar- 
beitet unter einem Vordach im Freien an einer Karyatide, die er aufgrund einer 
Einladung der Stadt Münster anlässlich einer internationalen Bildhauerausstellung 
entworfen hat. Das Modell, übersät mit Punkten, klein und unscheinbar, dient 
Marxer als Vorlage zur Bearbeitung des Originals. Zirkel, Meissel, Hammer, 
Schleifmaschine, Stemmeisen, Scalpello etc. liegen griffbereit da. Hingabe und Ernst 
sind Marxer beim Arbeiten ins Gesicht geschrieben. 
Er stellt eine andere, beinahe fertige “kleine”, 140 kg schwere Karyatide probeweise 
auf. Etwas an ihrer Form hat Ähnlichkeit mit dem Stamm des alten Olivenbaums, 
der neben Marxers “Arbeitsplatz” steht. Seine Windungen sind verborgen im Mar- 
mor-Torso wiedererkennbar. Die Form des alten Baums war der erste Impuls für 
dieses Werk, erzählt Marxer. 
In der Werkstatt stehen noch andere, fertige und noch unfertige Skulpturen. Eine 
davon heisst “Fürst und Fürstin”. Marxer meint das Fürstenpaar Franz-Josef II. 
und Fürstin Gina. Diese Skulptur ist im Gegensatz zu anderen Werken Marxers 
kantig schroff, in ihren Konturen jedoch seltsam weich. Eine Weichheit, die nicht 
11 
 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.