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In alter Renaissancetechnik, Punkt für Punkt trägt Marxer so lange Material ab, bis 
die Form gefunden ist. Wenn wir heute vor einer Marmorsäule von 2.40 m Hôhe 
stehen, dann war das Modell 60 cm gross. An diesem Modell muss alles stimmen. 
Eine Abweichung von nur 1 cm am Modell wiirde bedeuten, dass dies beim Origi- 
nal eine Abweichung von 4 cm ergibt. 4 cm zuviel, sowohl was die Formgebung an- 
geht als auch die Statik. Eine Karyatide in dieser Grösse würde unter Umständen 
auseinanderbrechen, wenn an der falschen Stelle Material “fehlt”. Spätestens hier 
relativiert sich die Freiheit des Künstlers. 
Neben Karyatiden tauchen in Marxers Arbeiten häufig Themen aus Verdis Opern 
auf. Vor noch nicht so langer Zeit entdeckte Marxer die Musik Verdis. Er arbeitete 
in Begleitung dieser Musik, spürte, wie seine Bewegungen von dieser Musik getra- 
gen wurden. Je intensiver Marxer die Kompositionen Verdis verinnerlichte, sie lie- 
ben lernte, umso stärker wurde sein Wunsch, mehr über Verdi zu wissen. Dieses 
Wissen um Verdi, dieses für Marxer neue Verständnis seiner Musik, öffnete ın ihm 
Kraft und Phantasie, einzelnen Themen aus Verdis Opern Form zu geben. 
Am Beispiel des Gefangenenchors aus “Nabucco” demonstriert Marxer die Kunst 
des Weglassens, des Sein-lassens. Die Dramatik dieser gepeinigten Figuren, die sich 
aus dem unbehandelten Sockel erheben, wird auch durch den “unbehandelten” 
Hintergrund verstärkt. Marxer verzichtet bewusst darauf, den Marmor zu Ende zu 
bearbeiten. Diese scheinbare Reduzierung verleiht jenen Skulpturen, bei denen 
Sein-lassen Teil des Konzepts ist, einen eigenen herben Retz. 
Es ist ein Erlebnis, Marxers Skulpturen zu sehen — es ist aber ein Abenteuer, Marxer 
in Carrara zu erleben. Carrara — das ist nicht die Toscana der Touristen. Am Fusse 
des Apuanischen Gebirgsstocks gelegen, öffnet sich die Toscana des Marmors, des 
Steins — weg vom Tyrrhenischen Meer und dennoch in dessen sinnlicher Nähe. Mar- 
xer, der im Fiirstentum Liechtenstein von Bergen eingekreist lebt, schätzt es, in Car- 
rara “nach Norden hin den Schutz des mächtigen Gebirgszuges und nach Süden die 
Öffnung zum Meer, die Weite des Horizonts” zu haben. 
Carrara ist geprägt vom Marmor, selbst der kleine Fluss, der durch die Stadt fliesst, 
ist an manchen Tagen milchig-weiss. Werkstätten, Marmorlager und der ständige 
Anblick eines Gebirgszuges, der sich immer wieder verändert, weil täglich Marmor 
“geerntet” wird, verleihen der Stadt eine Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. 
Hunderte bekannte und unbekannte Künstler erlagen der Faszination dieses Steins, 
Meister wie Cellini, Donatello, della Robbia, Bernini, Canova und in unseren Ta- 
gen Henry Moore oder Itamo Noguchi arbeiteten in Carrara und suchten die 
Herausforderung des weissen Steins. Diese Präsenz ist es, die diese Stadt von ande- 
ren Städten der Toscana unterscheidet. 
Wenn Marxer seinen Wohnsitz nach Carrara verlegt, hat dies nichts mit Jahreszei- 
ten, sondern mit Notwendigkeiten zu tun. Was in Liechtenstein geboren wurde, 
wird nun in Carrara umgesetzt. Die Werkstatt in der Via Aurelia wurde schon vie- 
len Künstlern zur Heimat. Luigi Corsanini, der Werkstattbesitzer und Bildhauer- 
meister, hat schon unzähligen Künstlern sein Wissen weitergegeben. Ohne Meister 
und Werkstattbesitzer wie ihn gäbe es kaum Möglichkeiten, vor Ort zu arbeiten. 
  
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