Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
16
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055861/226/
Miroslav Hroch oder Belgien. Der Unterschied scheint hier nicht mehr so kategorisch zu sein. Dadurch wird dem "Kleinsein'' der Weg zum aktiven Subjekt der internationalen Beziehungen geöffnet. Die neue Dimension der anwachsenden Identifizierung des Kleinstaates mit der kleinen Nation bestimmt die Aktivierung des Kleinstaats in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Vor allem am Ende des Ersten Weltkriegs entstanden mehrere neue Kleinstaaten, deren Bevölkerung sich mit ihrem Nationalstaat sehr stark identifizierte. Diese Identifikation war - und ist auch meist heute - so intensiv, dass die Staatsbürger bereit sind, für die nationale Unabhängigkeit ihres Staates Opfer zu bringen. Dies gilt nicht nur für das Verhältnis zu den Grossmächten, sondern auch für die Beziehungen dieser national definierten Kleinstaaten untereinander. Ein erstes Beispiel für die negative Seite dieser Dimension sind die Balkankriege 1912-13. Sie blieben leider kein Einzelfall in der europäischen Geschichte. Es ist in die­ sem Zusammenhang zu fragen, inwiefern die "Balkanisierung" eine dauer­ hafte Bedrohung des europäischen Friedens in sich trägt. Dies war immer dann der Fall, wenn Europa machtpolitisch polarisiert war und die Kon­ flikte zwischen den Nationalstaaten zugleich einen willkommenen Vor­ wand zum Eingreifen der verfeindeten Grossmächte boten. In einem nicht- polarisierten Europa bleiben solche Konflikte isoliert. Dies zeigt uns neuerdings der serbisch-kroatische Konflikt. Noch'in einer anderen Hinsicht kamen neue Aspekte , zur Problematik des Kleinstaates mit seiner "nationalistischen" Neigung hinzu: Der national definierte Kleinstaat aktualisierte das Problem der nationalen/ethnischen Minderheiten und machte es zum Thema der internationalen Beziehungen. Die kleinen, mehr oder weniger kompakten oder kompakt erscheinenden nationalen Minderheiten verhielten sich in vielen Fällen wie "Kleinstaaten" im Staate. Dies geschah vor allem dort, wo sie mit einer aktiven Unterstüt­ zung ihrer Mutternation rechnen konnten. In der Praxis handelte es sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg um die deutschen Minderheiten in Mittel- und Ostmitteleuropa.. Was sich eine Grossmacht im Verhältnis zu einer anderen Grossmacht nicht leisten konnte, d.h. offen für die eigene nationale Minderheit, einzutreten und sich in die inneren Angelegenheiten des Nachbarn einzumischen, das war im Verhältnis zum Kleinstaat durchaus möglich. Die Ausbreitung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen rief jedoch nicht nur explosive Konfliktsituationen hervor. Sie beeinflusste auch positiv ein neues Denken in den internationalen Beziehungen. Obgleich die Gross­ 244
        

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