Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
16
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055861/222/
Miroslav Hroch im Aufstand der Schweizer Urkantone seit dem Ende des 13. Jahrhunderts, auch wenn die Resultate wesentlich anders waren. Ohne eine dauerhafte Eigenstaatlichkeit endete andererseits der erfolgreiche Aufstand der Freibauern Dithmarschens gegen die dänische Grossmacht Anfang des 16. Jahrhunderts. Die in allen erwähnten Fällen vorkommende Identifizierung der breiten Schichten mit dem Kleinstaat gehörte jedoch in der europäischen Geschichte zu den seltenen Ausnahmen. Eine solche Identifizierung setzte sich vollständig erst dort durch, wo es sich um eine nationale Identität han­ delte. Mit dem Aufkommen moderner Nationen war eine Identifizierung mit dem Kleinstaat, sofern er mit der Nati on nicht identisch war, schon ana­ chronistisch. Kaum jemand war im 19. Jahrhundert bereit, sein Leben für den dynastischen Kleinstaat Parma oder Toscana zu opfern, aber viele wären dazu für den Nationalstaat Italien bereit gewesen. Wenden wir uns jetzt dem zweiten Problemkreis zu: Welche objektive Rolle konnte der Kleinstaat bzw. sein Herrscher in der internationalen Poli­ tik spielen? Beeinflusste der Kleinstaat direkt oder indirekt den Verlauf der europäischen Geschichte? Der Blick in die Register der grossen Kompen­ dien der politischen Geschichte Europas bestätigt den Eindruck, dass die Kleinstaaten in der Geschichte unseres Kontinents entweder unbeachtet bleiben oder nur am Rande als "Kanonenfutterlieferant" oder militärisches Durchzugsgebiet erwähnt werden. Die Geschichte der internationalen Beziehungen wird nämlich als Geschichte der Grossmächte dargestellt. Sie haben das Gesicht des Kontinents und der ganzen Welt entscheidend geformt, die Staatensysteme und ihre Grenzen bestimmt. Die mittleren Staaten werden manchmal im Zusammenhang mit Koalitionen oder mit Friedensbedingungen erwähnt. Sonst gehören sie, ebenso wie die Kleinstaa­ ten, in die Kategorie der strategischen Positionen, der verlorenen oder eroberten Gebiete. Sie werden eventuell als willkommener Vorwand zur Kriegsführung und willkommene Kompensation bei Friedensverhandlun­ gen erwähnt. War die Rolle des Kleinstaates tatsächlich so unwesentlich? Dazu sollten einige dieser Rollen näher betrachtet werden. Der Kleinstaat konnte ohne Zweifel als strategische Position in den Vor­ dergrund der internationalen Beziehungen treten. Dies scheint bei näherer Beobachtung eher ein logisches Konstrukt als eine Realität zu sein. Wenn es im Mittelalter solch strategisch wichtige Kleinstaaten gab, dann wurden sie bei nächstgünstiger Gelegenheit durch Grossmächte besetzt. Dies gilt ebenso für die Republik Ragusa/Dubrovnik wie für den Deutschen Orden, 240
        

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