Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
16
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055861/220/
Miroslav Hroch ans Anekdotische grenzendes Meisterstück des Lavierens kennen wir ja aus diesem Lande: Fürst Johann von Liechtenstein kämpfte für seine Person an der österreichischen Seite, aber es gelang ihm trotzdem, sein Fürstentum als Verbündeten Napoleons im Rheinbund unterzubringen. Als der Stern Napoleons zu fallen begann, war das Fürstentum in der Lage, in das antina- poleonische Lager zu wechseln und eigene Selbständigkeit zu demonstrie­ ren. Nicht jedes Lavieren war erfolgreich: Manchmal war nur eine Gross­ macht in unmittelbarer Nähe; man denke an die Schotten, Bretonen, Katalanen, Ragusaner etc. Im dritten, vielleicht häufigsten Fall schloss sich der Kleinstaat einer Grossmacht als Verbündeter an. Es wäre interessant, die Entwicklung vom Vasallen des klassischen Lehnssystems zum "Verbündeten" der frühen Neuzeit zu untersuchen. Jedenfalls wurden fast alle Kriege seit dem Spät­ mittelalter als Koalitionskriege geführt. Jede Grossmacht hatte ihre Traban­ ten. Durch den Anschluss an den Stärkeren versprach sich der Kleinstaat unter den Bedingungen des nicht mehr funktionierenden Lehnssystems eine gewisse Sicherheit. Zugleich ergab sich aus dieser Verbindung ein bestimmtes Risiko. Wenn die Schutzmacht den Krieg verlor, büssten dafür auch seine Trabanten, im Extremfall dadurch, dass sie ihre Unabhängigkeit verloren. Die Zugehörigkeit zur siegenden Koalition war natürlich günsti­ ger, aber auch in einem solchen Fall war die Unabhängigkeit nicht vollstän­ dig garantiert: Es war sehr schwer, aus der Einflusssphäre eines starken und erfolgreichen "Verbündeten" zu entkommen. Mit einer gewissen Zuspit­ zung kann man sagen, dass der Weg des Trabanten der häufigste Weg zum Verlust der Unabhängigkeit des Kleinstaates war. Wenn wir von diesen drei Optionen sprechen, dann müssen wir zugleich berücksichtigen, dass die Entscheidung oft schon durch die geopolitische Lage vorprogrammiert war, so dass der Herrscher des Kleinstaates nur sel­ ten genügend Spielraum bekam, um sich zwischen der Allianz der Kleinen, dem Lavieren und der Abhängigkeit nach freier Überlegung zu entschei­ den. Wir benutzen das Wort Kleinstaat, wissen aber sehr wohl, dass das Sub­ jekt politischen Handelns bis weit ins bürgerliche Zeitalter hinein sein Herrscher war. Die Methoden seines Handelns entsprachen also den Gewohnheiten des spät- bzw. postfeudalen Zeitalters mit immer noch theo­ retisch existierenden Lehnsverhältnissen, dynastischen Heiraten, Erb­ schaftsregelungen usw. Es kam praktisch kaum in Frage, dass ein Herrscher eines Kleinstaates sich mit der Waffe in der Hand einer Grossmacht stellte. 238
        

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