Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
16
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055861/218/
Miroslav Hroch Erstens bedeutete "klein" in der internationalen Politik des 16. Jahrhun­ derts etwas ganz anderes als z.B. im 19. Jahrhundert - und zwar nicht nur im Sinne der quantifizierbaren Grössen, sondern auch im machtpolitischen Kontext. Zweitens definiert der Historiker rückblickend das Klein-sein anders als die über sich selbst urteilenden Zeitgenossen. Die Kleinheit ist zugleich eine komparative Grösse. So werden wir Bel­ gien gegenüber Frankreich als klein beschreiben, nicht jedoch gegenüber Luxemburg. Gemessen am Osmanischen Reich war Montenegro ein Klein­ staat; gemessen an Albanien sieht seine Grösse anders aus. Bei der historischen Betrachtung unseres Themas müssen wir gleich zu Anfang feststellen, dass die Relevanz und Frequenz des Phänomens "Klein­ staat" in der Geschichte völlig anders war als heute. Europa bestand im Mit­ telalter und in der frühen Neuzeit zum grossen Teil aus Staatsgebilden bzw. souveränen Territorien in der Grössenordnung des heutigen Kleinstaates. Wenn wir die nur formell abhängigen, aber praktisch souveränen Vasallen dazuzählen urid zugleich berücksichtigen, wie oft sich ihre Länder durch Erbschaften teilten, dann neigen wir dazu, den Kleinstaat als Urform der europäischen Geschichte zu bezeichnen. Dies wäre natürlich eine unzuläs­ sige Verallgemeinerung, aber eins steht fest: Der Kleinstaat gehörte in jener Zeit zu den Normalerscheinungen der internationalen Beziehungen. Zur Ausnahme wurde er erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu die­ sem Prozess werden wir später noch zurückkehren. Erst jetzt ist es zweckmässig, die erste Frage aufzugreifen: Wie beteiligten sich die Kleinstaaten an den internationalen Beziehungen? Man kann drei Typen dieser Beteiligung unterscheiden: 1. Die Kleinen fanden sich zusammen und bildeten eine Allianz zur Durch­ setzung gemeinsamer Ziele. 2. Der Kleinstaat manövrierte im Spannungsfeld zwischen zwei oder meh­ reren Grossmächten. 3. Der Kleinstaat wurde abhängig und damit zum Trabanten einer Gross­ macht. Im ersten Fall wollten sich die Kleinstaaten bzw. ihre Herrscher nicht mit der Rolle der Bedeutungslosen abfinden und versuchten, ihre Kräfte zu addieren, um gewisse Ziele zu erreichen. Die Allianz von Kleinstaaten ist in der Geschichte keine Seltenheit. Selten jedoch kam ein dauerhafter Erfolg bzw. eine dauerhafte Partnerschaft zustande. Früher oder später wandelte sich diese Partnerschaft der Selbständigen in ihre Verschmelzung zu einem 236
        

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