Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
16
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055861/151/
Verfassungsstaat rative Verfassungsstaat", d. h. der von vornherein verflochtene und auf viel­ fältige Kooperation angewiesene Verfassungsstaat; er besitzt im (konstitu­ tionellen) Kleinstaat nur ein besonders anschauliches Beispiel.57 Rezeptionen sind ganz allgemein ein typischer Vorgang des Entstehens, Verbreitens, Weiterwachsens und auch der Umformung und Variation der Aneignung von Kultur. Sie müssen zentraler Gegenstand allen kulturwis­ senschaftlichen Arbeitens sein. Hier kann nur ein Ausschnitt behandelt werden: die Rezeption von fremden Rechtsordungen, ganz oder in Teilen. Wie erwähnt, entwickelt sich der Typus Verfassungsstaat heute in weltwei­ ten Produktions- und Rezeptionszusammenhängen, die sich auf Verfas­ sungstexte, Verfassungsdogmatik und -rechtsprechung beziehen, aber auch auf Prinzipien des einfachen Rechts, ganze Kodifikationen oder einzelne Gesetzeswerke erstrecken. Eine Rezeptions-Theorie in diesem Sinne ist erst im Werden.58 Immerhin kann schon auf einige Problemformulierungen ver­ wiesen werden: Rezeptionen von Rechten sind zunächst passiv, sie haben aber auch eine aktive und aktivierende Komponente, vor allem 
entwickelt das Rezipierte im neuen, fremden Kontext eigene Inhalte und Funktionen. Der 
Kleinstaat ist spezifisch auf Rezeptionen angewiesen, er vermag sich so besser zu behaupten, aber zugleich in grössere Rechtszusammenhänge einzufügen. Er greift das Nahe, besonders der Nachbarn auf, aber er macht es zur eigenen Sache, verwandelt es und schmilzt es meist so ein, dass seine Rechtsordnung im ganzen nach wie vor diejenige Integrationsleistung erbringt, die etwa ein 
H. Heller von der Rechtsordnimg für den Staat ver­ langt.5' So kommt es zu der hier und heute zitierten "Adaption 
und Innova­ tion", zur Offenheit 
und Identitätsgewinnung. Die offene Gesellschaft des Kleinstaates verschafft sich dank fortlaufender Rezeptionen ein Stück der eigenen unverzichtbaren kulturellen Identität. Rezeption als Integration, Innovation dank Adaption sind Stichworte. Der Kleinstaat macht aus seiner Not eine Tugend. Da er nicht über die Quantität von Personen und all das verfügen kann, was den grösseren Verfassungsstaat primär aus Eigenem, häufig genug auch aus Fremdem an Recht schaffen lässt ("knappe Res­ source Recht"), bedient er sich fremder Vorarbeiten und Vorleistungen: er rezipiert Recht und reproduziert es "im Laufe der Zeit". 57 Zum kooperativen Verfassungsstaat meine gleichnamige Arbeit, in P. Häberle, Verfassung als öffentlicher Prozess, 1978, S. 407 ff. 58 Dazu etwa der Band Battis/Mahrenholz/Tsatsos (Hrsg.), Das Grundgesetz im internatio­ nalen Wirkungszusammenhang der Verfassungen, 1990, und darin die Diskussion mit eige­ nen Beiträgen des Verf., bes. S. 251 f., 259 f. 59 H. Heller, Staatslehre, a.a.O., S. 216 ff., 238 ff. 161
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.