Herausgeber:
Liechtensteiner Volksblatt 1878-2005
Erscheinungsjahr:
[1990]
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055570/34/
   
tholischen Kirche gegenüber erwies sich 
Fürst Franz Josef II. als Schützer ihrer 
Rechte. Er versuchte, die notwendigen 
Reformen der Kirche zu fördern. Seine 
Haltung war klar. Aus dem Pluralismus 
und der religiösen Toleranz des Staates 
könne, und dies betonte er immer wie- 
der, nicht eine völlige Wertneutralität 
des Staates hergeleitet werden. Der Staat 
müsse erkennen, dass ein Grundgefüge 
von christlich fundierten Werten die Vor- 
aussetzung seines Bestehens sei. Dafür 
stand er mit seiner Person ein. Der Staat 
müsse in diesem Sinne seinen histori- 
schen Ort, den Erdboden, erkennen, von 
dem er sich nicht gänzlich lösen könne, 
ohne zu zerfallen. Der Erdboden war für 
ihn das Christentum. Der Staat müsse 
lernen, dass es einen Bestand von Wahr- 
heit gebe, der nicht dem Konsens unter- 
worfen sei, sondern ihm vorausgehe und 
ihn ermögliche. 
Der Staat braucht menschliches Mass. 
Das war seine feste Überzeugung. Aber 
der Staat wird nicht pluralistischer und 
freier, sondern bodenlos, wenn das Volk 
nicht mehr die Kraft hat, die Zeichen des 
Christentums als unverzichtbar zu verste- 
hen und an ihm festzuhalten. Der Staat 
braucht öffentliche Zeichen dessen, was 
ihn trägt. Auch die Feiertage gehörten 
als öffentliche Markierungen der Zeit 
nach seiner Ansicht dazu. Deswegen 
muss das Christentum auf solchen öffent- 
lichen Zeichen seiner Menschlichkeit be- 
stehen. Die einzige Kraft, mit der sich 
das Christentum öffentlich zur Geltung 
zu bringen vermag, ist letztlich die Kraft 
seiner inneren Wahrheit. Diese Kraft 
aber ist heute so unentbehrlich wie eh 
und je, weil der Mensch ohne Wahrheit 
nicht überleben kann. Das ist die sichere 
Hoffnung des Christentums. Das ist eine 
ungeheure Herausforderung an jeden 
einzelnen von uns. Und diese Herausfor- 
derung nahm der Landesfürst an und 
setzte sie in seine Politik um. 
Er war bemüht, als ein Mann in der 
Kirche mit überzeugender Frömmigkeit 
gutes Beispiel zu geben. Seine vornehme 
Zurückhaltung ist ein Charakterzug, den 
seine Regierungstätigkeit ganz allgemein 
auszeichnete. Diese vornehme Zurück- 
haltung strahlte Würde, Wissen um die 
Dinge aus. Es war staatspolitische Klug- 
heit, die in die vom Volk gesuchte Auto- 
rität einmündete. Dies beweist die An- 
hänglichkeit des Volkes, das ihm Ach- 
tung und Verehrung zollte. 
Fürst Franz Josef II. war erfüllt von 
Sorge um das öffentliche Wohl aller. Er 
stellte sich den Herausforderungen, die 
das Fürstenamt an ihn herantrugen, ohne 
sein politisches Feingefühl und den Sach- 
verstand für Fragen der Gerechtigkeit zu 
vergessen. Bei dieser Aufgabe wurde er 
von der Fürstin tatkräftig unterstützt. Sie 
hat in besonderer Weise, wie er es selber 
gesagt hat, eine menschliche Note in sei- 
ne Regierungstätigkeit hineingebracht. 
Dies wurde in der Öffentlichkeit immer 
wieder mit wachem Auge und grosser 
Zustimmung registriert. 
Respekt, Besorgnis und Optimismus 
waren Barometer seines Denkens und 
Tuns, die sich denn auch des öftern in 
32 
seinen Thronreden niederschlugen. Re- 
spekt galt vor allem dem Leben, der 
Wiirde des Menschen. So sagte er: «Wie 
wir uns die Ausgestaltung des Strafrech- 
tes vorstellen, hängt von der Einstellung 
unserem Nebenmenschen gegenüber ab. 
Ist man kein Materialist, achtet man den 
Nebenmenschen als Ebenbild Gottes, so 
muss man auch die entsprechenden Kon- 
sequenzen ziehen. Wir haben daher als 
ständige Richtschnur uns die Würde des 
Menschen vor Augen zu halten und das 
Prinzip der Gerechtigkeit.» So hat er sich 
auch mit warnenden und deutlichen Wor- 
ten gegen die Abtreibung gewandt und 
ausgeführt: «Wenn ich an diese Straf- 
rechtsreform denke, erinnere ich mich 
unwillkürlich daran, dass in der Welt 
ziemlich viele sogenannte progressive In- 
tellektuelle wohl vehement gegen die To- 
desstrafe sich aussprechen, aber gleich- 
zeitig bejahen oder sogar fördern den 
Gedanken der sogenannten Abtreibung. 
Ich finde, dies ist ein unverständlicher 
Widerspruch von seiten dieser Leute, 
denn die Abtreibung beinhaltet nichts 
anderes als eine Hinrichtung von un- 
schuldigen Menschen, denen man nicht 
einmal einen Prozess zuteil werden 
lässt.» Seine Besorgnis galt der Tatsache, 
dass die Gesellschaft in zunehmendem 
Masse sich in einer Anonymität verlaufen 
und der Staat in einem Zentralismus und 
Bürokratismus ersticken könnten. Die 
abnehmende «Mitmenschlichkeit» hat er 
als grosse Mangelkrankheit unserer Zeit 
erkannt und empfunden. Ein überbeton- 
ter Materialismus gefährde nicht nur un- 
sere natürlichen Ressourcen und unseren 
wirtschaftlichen Wohlstand, sondern be- 
einträchtige auch die zwischenmenschli- 
chen Beziehungen. Bei aller Sorge blieb 
der Landesfürst Optimist. Diese Grund- 
haltung zieht sich zeit seines Lebens wie 
ein roter Faden durch seine öffentlich 
gehaltenen Reden. Mit den Worten 
«Nicht Sorglosigkeit soll uns führen, son- 
dern ein konstruktiver Optimismus, der 
auf einem starken Gottvertrauen fusst», 
machte er 1951 den Landtagsabgeordne- 
ten Mut. 
Der Landesfürst war Bewahrer tradi- 
tioneller Werte. Die Vergangenheit war 
in ihm lebendig geblieben. Die Vergan- 
genheit, so sehen wir das immer wieder 
aufs Neue, hält denn auch ihre Sprecher, 
sendet sie in die Wirklichkeit. Staaten 
brauchen solche Persönlichkeiten wie un- 
seren Landesfürsten, die sich auch in Zei- 
ten eines umfassenden und scheinbar to- 
talen sozialen Wandels um die Erhaltung 
traditioneller Werte bemühen. Der Lan- 
desfürst stand schon von seiner Familie 
her in einer langen geschichtlichen Tradi- 
tion. Dieses deutliche Bekenntnis zur 
Vergangenheit, zu traditionellen Werten, 
ist eine Bejahung der Geschichte und 
damit auch der eigenen Vergangenheit. 
Er hat sie angenommen, auch für unse- 
ren Staat. 
Nach seiner Ansicht sind es nicht die 
materiellen Güter, sondern die sittlichen 
Kräfte der Menschen, die in der Politik 
massgebend sind und sein sollten. Um 
solche Kräfte zu fördern, bedürfe es 
Menschen, die in gewissenhafter Verant- 
wortung ihren Dienst an der rechten 
Ordnung leisten, bevor andere, die Ver- 
führer, ihr «Geschäft» machten. 
Für unseren Landesfürsten war sowohl 
die Wahrnehmung eines Rechts wie die 
Erfüllung einer Pflicht gegenüber Staat 
und Gesellschaft eine Selbstverständlich- 
keit. Er erinnerte uns auch stets daran. 
Der Bürger habe die Pflicht, sagte er, 
sich für die Fragen des staatlichen Lebens 
zu interessieren und, soweit es seine phy- 
sischen, geistigen und wirtschaftlichen 
Kräfte gestatteten, mitzuarbeiten an des- 
sen Gestaltung. Jeder Bürger könne im 
täglichen Leben durch Wort und Tat für 
das eintreten, was nach seiner Ansicht 
richtig sei, und so mitwirken im Dienste 
des staatlichen Lebens. Er zeigte und 
lebte dies auch selber vor. Und so beka- 
men seine Öffentlichen Auftritte in den 
letzten Jahren symbolhaften Charakter. 
Wer erinnerte sich nicht an die letzten 
beiden Staatsfeiertage, an denen er sich 
in eindringlichen Worten an sein Volk 
gerichtet hatte. Ein anderer hätte sich 
angesichts des überaus angegriffenen Ge- 
sundheitszustandes dieses Verhalten 
nicht auferlegt. Optimismus und ein star- 
ker Glaube an die Zukunft, dies war sein 
Vermächtnis und dies beseelte ihn auch, 
für uns, diesen Staat und diese Gesell- 
schaft, zu sprechen. Aus heutiger Sicht 
gewinnt der Eindruck des mühsamen Er- 
klimmens von Stufen zum Sitzplatz in der 
Festtribüne und zum Mikrophon eine un- 
erwartete Entschlossenheit, der eine 
Staat und Gesellschaft stärkende Sym- 
bolkraft innewohnt. Sie weist auf die 
Verantwortung hin, die der Landesfürst 
von jedem von uns gefordert hat und die 
er für diesen Staat stets übernommen hat 
und an der sich Staat und Volk, die ganze 
Bevölkerung ausrichten können. «Ich be- 
grüsse es», so äusserte er sich einmal, 
«dass es im Lande ein reges politisches 
Leben gibt, denn jeder Bürger muss sich 
klar sein, dass er mit den anderen das 
Leben des Landes trägt.» Auch in diesem 
Punkte bleibt der Landesfürst ein stets 
präsentes Vorbild: denn allein Eintracht 
macht stark-und bringt Erfolg, woran er 
g. 
uns oft erinnerte. 
Der Landesfürst war Veränderungen 
in Staat und Gesellschaft nicht abhold. 
Dies hat er mehrmals in seinen Thronre- 
den klargemacht. Er trat für Erneuerun- 
gen ein, indem er auf «den gesunden Sinn 
für das Reale» verwies, den er — wie er 
selber sagte — im Volke vorfand. Das 
Leben gehe immer weiter und es finde 
daher eine Weiterentwicklung aller ge- 
sellschaftlichen, seien es soziale oder 
wirtschaftliche Probleme statt. Der Staat 
müsse sich dessen bewusst bleiben und 
seine Gesetzgebung in gewissen Belan- 
gen immer wieder nach Ablauf einer An- 
zahl von Jahren diesen Gegegenheiten 
anpassen. Wenn das übersehen würde, 
kónnten sowohl die Interessen des einzel- 
nen als auch die der Allgemeinheit Scha- 
den nehmen. Es gelte für diesen Fall das 
Sprichwort, wer raste, der roste. Nur 
hielt er mit Recht an den Grundprinzi- 
pien, die sein Denken und Handeln be- 
stimmten und die er auch vom Gesetzge- 
ber forderte, fest. Es waren dies die alten 
  
 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.