Herausgeber:
Liechtensteiner Volksblatt 1878-2005
Erscheinungsjahr:
[1990]
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000055570/20/
   
Radio DRS strahlt seit einigen Wo- 
chen täglich um 7.30 Uhr eine Sendung 
aus: «Heute vor 50 Jahren». Ein erschüt- 
terndes Zeitdokument. «Einer gegen al- 
le» löste den Weltkrieg aus. Folge davon 
waren Verwüstung, Tod, Grausamkei- 
ten, Elend, Flüchtlinge, Heimatlose. 
«Alle gegen einen» bewirkten schliesslich 
den langersehnten Frieden, wenn auch 
kein geeintes Europa. Inmitten ein ver- 
schontes Liechtenstein: Eine fürstliche 
Hochzeit, eine Fürstin, ein Lichtstrahl in 
der Dunkelheit. 
Fürstin Gina hatte die Folgen eines 
fünfjáhrigen grauenvollen Krieges in di- 
rekter Umgebung miterlebt und mitver- 
folgt. Sie folgte dem Gebot des Herzens. 
Zur Linderung der Folgen der schreckli- 
chen Kriegsereignisse war sie Seele und 
Motor für die Gründung des Liechten- 
steinischen Roten Kreuzes. Im Geiste 
Henri Dunants, dem Gründer des Inter- 
nationalen Roten Kreuzes, nahm sie sich 
in einem beispiellosen Einsatz Tausen- 
den von Flüchtlingsopfern an der Grenze 
Österreich/Liechtenstein in Schaanwald 
an. Am 30. April 1945, dem Gründungs- 
tag des LRK, hat Fürstin Gina für sich 
und für das Liechtensteinische Rote 
Kreuz, aber auch für das Land Liechten- 
stein, eine dauernde Verpflichtung über- 
nommen. Ich zitiere aus dem ersten Jah- 
resbericht des LRK: «Wir verpflichten 
uns mit der heutigen Gründung zur Hilfe- 
leistung in Krieg und Frieden, im Inland 
und im Ausland, im Geiste, in Zusam- 
menarbeit und im Zeichen des Interna- 
tionalen Roten Kreuzes.» 
Damit wurde das LRK nach dem Krieg 
und in der Folgezeit auf nationaler Ebene 
zum wichtigsten Tráger zahlreicher Für- 
sorgeeinrichtungen, also von Institutio- 
nen, die zum Lebenswerk von Fürstin 
Gina gehóren und heute von der liech- 
tensteinischen Bevólkerung getragen und 
nicht mehr wegzudenken sind, wie: das 
Kinderheim, die Mütterberatung, die 
Sáuglingsfürsorge, der Rettungsdienst, 
das Samariterwesen und — wie könnte es 
auch anders sein — die Auslands- und 
Katastrophenhilfe. Stets war die Fürstin 
die tatkräftige Initiantin und überzeugte 
mit ihrem Vorbild Land und Leute, was 
auch eine spontane Spendenbereitschaft 
bei unserer Bevölkerung bewirkte. Ein 
glänzendes Beispiel dafür ist das jährliche 
Wohltätigkeitskonzert, eine der wichtig- 
sten Einnahmequellen für das LRK. Sie 
bewahrte damit das LRK von einer staat- 
lichen Abhängigkeit in der Erkenntnis, 
dass es nicht soweit kommen darf, alle 
sozialen und humanitären Aufgaben ein- 
fach dem Staat aufzubürden, zumal in 
einer Wohlstandsgesellschaft ein Gross- 
teil dieser Aufgaben von einer privat or- 
ganisierten Institution, wie das LRK es 
ist, besser und diskreter wahrgenommen 
werden kann als durch die óffentliche 
Hand. Nach ihrer Auffassung soll die 
Arbeit des Roten Kreuzes ein Beispiel 
dafür sein, dass gerade im Sozialbereich 
18 
Fürstin Gina und ihr Einsatz für das Rote Kreuz 
Eine Würdigung von Fürstl. Kommerzienrat Dr. Heinz Batliner, Sekretär des LRK 
die Erfüllung wichtiger öffentlicher Auf- 
gaben durch freie Träger ein besserer 
Weg ist, weil gleichgesinnte Menschen 
unkomplizierter aufeinander zugehen 
können, um gegenseitig ihre Sorgen aus- 
zutauschen, sich um den anderen zu 
kümmern und damit schneller wirksam 
Not gelindert und Hilfe angeboten wer- 
den kann. Alle diese bestehenden Insti- 
tutionen sind untrennbar mit dem Namen 
I.D. der Fürstin, Gründerin unseres Ro- 
ten Kreuzes, verbunden. 
Auch im internationalen Rotkreuz-Ge- 
schehen spielte Fürstin Gina in ihrer Ei- 
genschaft als Präsidentin des LRK eine 
bedeutende Rolle. Ihr Charme und Hu- 
mor, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihr 
Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt 
ihre Intelligenz und Ausstrahlungskraft 
liessen sie bei den internationalen Konfe- 
renzen, Tagungen und Begegnungen zur 
einmaligen Botschafterin unseres Landes 
werden. Hervorzuheben ist die Tatsache, 
dass führende Rotkreuz-Persönlichkeiten 
auf Einladung von Fürstin Gina wieder- 
holt schwerwiegende Probleme auf 
Schloss Vaduz in einem ungezwungenen 
Rahmen diskutierten und einer Lösung 
näherbringen konnten. Die massgebende 
Rolle und die Gastfreundschaft von Für- 
stin Gina werden zweifellos eines Tages 
auch in die Nachkriegsgeschichte des In- 
ternationalen Roten Kreuzes eingehen. 
Noch vor 3 Jahren folgte Fürstin Gina 
einer Einladung der Liga der Rotkreuz- 
gesellschaften zu einer Rotkreuzmission 
nach Kenia und Sudan. Erschüttert 
schreibt sie unter anderem in ihrem Ta- 
gebuch: «Wir bitten, uns die abgebrann- 
ten Wohnstátten — die zuvor von den 
reichen Bodenbesitzern angezündet wur- 
den, damit die Leute wegziehen sollten — 
zu zeigen. Man führt uns, mitten zwi- 
schen Steinen, Abfall, Staub und Kinder- 
gewinsel, zu einem leeren Platz, wo eini- 
ge neue Hütten errichtet werden, man- 
che ganz klein und fensterlos. Immer nur 
ein Raum, der einer ganzen Familie, oft 
mit zehn Kindern, Unterschlupf bietet. 
Zum Heulen!» oder bei einer anderen 
  
Gelegenheit eine bezeichnende Aussage, 
die die ganze Menschlichkeit der Fürstin 
deutlich macht: «Mir ist aufgefallen, dass 
die Zuwendung von Herz und Gemüt 
beinahe wichtiger ist, als die materielle 
Hilfe. Der Empfänger muss spüren, dass 
die Hilfe von Herzen kommt.» 
Am 27. November 1987 erhielt I.D. 
die Fürstin in Rio de Janeiro anlässlich 
der Generalversammlung der Liga der 
Rotkreuz- und der Rothalbmond-Gesell- 
schaften die Henri-Dunant-Medaille, die 
seltenste und höchste Auszeichnung, die 
das Internationale Rote Kreuz zu verge- 
ben hat, mit folgender Begründung, die 
ich hier nur auszugsweise zitiere: «Für- 
stin Gina hat sich ihrer Tätigkeit mit 
einer ausserordentlichen Hingabe gewid- 
met und hat der Rotkreuz-Bewegung so- 
wohl auf nationaler als auch auf interna- 
tionaler Ebene hervorragende Dienste 
geleistet. I.D. Fürstin Gina von Liech- 
tenstein hat viele humanitdre Bewegun- 
gen ins Leben gerufen... Sie hat ein 
überragendes Beispiel für humanistische 
Werke gegeben, durch einen enormen 
persónlichen Einsatz für die humanitáren 
Aktivitäten, durch eine ausserordentli- 
che Hingabe für die Verwundeten, die 
Kranken und die Kriegsopfer.» 
Fürstin Gina leitete die Geschicke des 
Liechtensteinischen Roten Kreuzes seit 
      
der Gründung im Jahre 1945 bis 1985 und 
übergab dann das Präsidium ihrer Nach- 
folgerin und derzeitigen Präsidentin, 
Erbprinzessin Marie von Liechtenstein. 
Während 40 Jahren stand Fürstin Gina 
der Rotkreuz-Bewegung unermüdlich 
vor. So entschloss sich denn auch die 
Fürstlich Liechtensteinische Regierung 
spontan, die eindrücklichen humanitären 
Leistungen unserer langjährigen Rot- 
kreuz-Präsidentin durch die Ausgabe 
einer Briefmarkenreihe mit verschiede- 
nen Motiven und Werken zu würdigen, 
um damit auch philatelistisch das vorbild- 
liche Wirken dieser hochgeachteten und 
hochgeschátzten Persónlichkeit zu doku- 
mentieren. 
  
 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.