Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
1
Erscheinungsjahr:
1977
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000053938/95/
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seier Spitzengremien abgeschlossen und eine einheitliche Linie ge 
funden sein». 22 ) — Jetzt wird eingespurt, wir werden aus der ein 
mal von uns oder für uns gewählten Spur kaum mehr herauskom 
men, jetzt fallen die Entscheidungen, nicht vor drei Jahren, nicht in 
drei Jahren, jetzt, mit der Erweiterung der EWG, wird Europa in 
Umrissen auch für uns gestaltet. Wie sehr sich die Schweiz, ein in 
Jahrhunderten in europäischen Entwicklungen erfahrener Staat, die 
ser Tatsache bewußt ist, spricht aus dem Bericht des Bundesrates zur 
EWG: «Die heute angestrebte Erweiterung der europäischen Ge 
meinschaften wird bestimmend sein für die zukünftige Organisation 
Westeuropas. Diese Entwicklung geht die Schweiz unmittelbar 
an.» 23 ) In der kürzlichen Diskussion des schweizerischen National 
rates 24 ) über den EWG-Bericht fielen seitens der bundesrätlichen 
Sprecher Worte wie «Diskussion historisch», «Irreversibilität des 
Abkommens», «Bundesrat vor der wohl schwersten Aufgabe», und 
es wurde an das Parlament appelliert: «Helfen Sie uns, wir haben 
nur noch ein Jahr Zeit.» Ein junger englischer Abgeordneter hat er 
klärt, daß er sich voll bewußt sei, was die bevorstehende Verbindung 
mit der EWG für Großbritannien bedeute; sein ganzes Leben lang 
werde er nicht mehr an einem Ereignis von gleichem Rang teilneh 
men können. Er und zwanzig andere junge Abgeordnete des Unter 
hauses haben sich gegenseitig — populär oder nicht — verpflich 
tet, durch Monate sozusagen jeden Abend in England Reden für Euro 
pa zu halten. Es ist beeindruckend, mit welcher geistigen Präsenz die 
anderen Länder den geschichtlichen Stellenwert der Geschehnisse er 
kennen und ihren Gang mitzugestalten versuchen. Wie sträflich wäre 
es für uns, ohne die sehr engen Grenzen unserer Möglichkeiten auch 
nur einen Moment zu überschätzen, zuzuwarten, bis alle anderen, 
die EWG und die Schweiz, ihre Pläne oder gar ihre Verhandlungen 
abgeschlossen haben. 
Liechtenstein ist aber auch ganz allgemein und fast allenthalben vor 
die Probleme der Integration gestellt. Die Konsequenzen unseres heu 
tigen Verhaltens betreffen alle, Rote, Schwarze und Grüne und an 
dere. Es kann nicht Sache eines ohnehin geplagten Regierungschefs 
sein, personell und zeitlich überfordert, solche überwältigenden Pro 
bleme allein lösen zu wollen, ja nicht einmal Sache einer einzelnen 
Partei. Was hat denn eine Koalition für einen Sinn (und die Erklä 
rung, daß die Außenpolitik der Regierung gemeinsam sei), wenn 
n ) Regierungschef Dr. Hübe in «Die Welt» vom 24. 8. 1971. 
a ) Bericht des Bundesrates über «Die Entwicklung der europäischen Integrationsbestrebungen und 
die Haltung der Schweiz» vom ti. 8. 1971, Seite 96. 
u ) Debatte im Eidgenössischen Nationalrat vom 27. 9. 1971» zit iert aus NZZ vom 28. 9. 1971 II.
        

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