Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
1
Erscheinungsjahr:
1977
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000053938/70/
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Eine ähnliche Divergenz in der Außenpolitik führte beim Zerfall des 
Deutschen Bundes zu einer Vertrauenskrise im Land. Als Preußen 
und Österreich allmählich der kriegerischen Lösung der deutschen 
Lrage zustrebten, stellten sich Johann II. und Linde im Bundestag 
hinter Österreich. Bei der entscheidenden Abstimmung vom 14. Juni 
1866 gab die 16. Kurie die Stimme im Sinne Österreichs für die Exe 
kution gegen Preußen ab, das hieß für den Krieg, obwohl das Votum 
unklar war und eher gegen den Krieg hätte lauten müssen. 
Lürst, Regierung und Landtag warteten nun auf den Einberufungs 
befehl des Bundes für das Kontingent: Er erfolgte gerade wegen der 
erwähnten Ausnahmestellung des Kontingents nicht. Trotzdem stellte 
der Lürst in einem überraschenden Entschluß das Kontingent dem 
österreichischen Kaiser gegen die italienischen Lreischaren zur Ver 
fügung. In Liechtenstein fühlte man sich verkauft. Gerüchte über 
Verrat der Regierung zirkulierten. Der Landtag protestierte einstim 
mig gegen die Einberufung. Nach sechsstündiger heftiger Debatte, in 
deren Verlauf es zu Ausfallen gegen Regierung und Pürsten kam, be- 
harrte der Landtag auf der Unrechtmäßigkeit der Verwendung. Selbst 
das persönliche Erscheinen des Pürsten im Land vermochte nicht alle 
Bedenken zu zerstreuen. Man fürchtete von einer eigenwilligen Teil 
nahme am Krieg auf der Seite des Verlierers gefährliche Folgen für 
die staatliche Existenz. Warum aber setzte der Fürst den Ausmarsch 
noch zu einem Zeitpunkt durch, da der Krieg bereits zugunsten 
Preußens entschieden war? Er fürchtete auch für die liechtenstei 
nische Selbständigkeit, aber vor allem von seiten einer Friedenskon 
ferenz oder Österreichs selber, indem Liechtenstein etwa kurzerhand 
dem Kaiserstaat einverleibt würde. Demgegenüber galt es gerade, 
die liechtensteinische Selbständigkeit durch eine aktive Politik vor 
aller Augen zu bezeugen wie auch Österreich zu Rücksichtnahme zu 
verpflichten. Darum auch ließ Johann II. Linde an der letzten Sit 
zung des Deutschen Bundes teilnehmen und alle Rechte ausdrücklich 
wahren. 
Durch Österreich vom übrigen Deutschland getrennt, entging Liech 
tenstein der Verschmelzung im Zweiten Deutschen Reich. Ja, es er 
langte erst jetzt seine volle Selbständigkeit. Die vormals gefürchtete 
Enklavenstellung war jetzt eingetreten und möglich geworden. Mög 
lich, weil Liechtenstein im Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Deut 
schen Bundes innenpolitisch und wirtschaftlich so weit gefestigt war, 
daß es der staatenbündischen Sicherung nicht mehr bedürfe; inso 
fern sind Wirtschafts- und Innenpolitik Außenpolitik. Hauptvor
        

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