Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
1
Erscheinungsjahr:
1977
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000053938/20/
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ist er heute stärker denn je herausgefordert, befindet er sich doch in 
einer zwiespältigen Lage, was sein Verhältnis zum Staat anbetrifft. 
Wir können feststellen, daß der Liechtensteiner einen Rest von 
staatsbürgerlicher Geisteshaltung des 19. Jahrhunderts, die bei nähe 
rer Betrachtung, aus der Verfassungsgeschichte leicht erklärbar ist, 
noch mit sich schleppt, in deren Mittelpunkt das Individuum steht, 
das alles ausmacht. Der Staat bedeutet ihm wenig. Die einmal er 
kämpften Freiheitsrechte werden aus dieser Sicht überwiegend als 
Abwehrrechte gegen den Staat verstanden. Neue Impulse hat diese 
staatsbürgerliche Geisteshaltung aus den jüngsten weltweiten Frei 
heitsbestrebungen der Jugend erfahren, die offen ihre Bereitschaft 
manifestiert, Intellekt und Tatkraft für die Freiheit des Individuums 
und gegen Gemeinschaftsbindungen einzusetzen. 
Dieser neubelebten Geistes Strömung entgegengesetzt verläuft eine 
Entwicklung, die auf ein vermehrtes Schutzbedürfnis des Menschen 
durch den Staat aufmerksam macht. Die von einem Profitstreben be 
herrschten Industriebetriebe treiben den Menschen in eine zu starke 
Abhängigkeit von seinem Arbeitsplatz. Ist es im vorgezeichneten 
Falle, die Distanz des Bürgers vom Staat, eine falsch verstandene 
Freiheit vom Staate, so erwartet hier der Bürger vom Staate ausrei 
chenden Schutz, der ihm garantiert, daß er seine Persönlichkeit frei 
entfalten kann. Mit der Inangriffnahme der Neugestaltung des Bil 
dungswesens hat der Staat dieses Anliegen wahrgenommen, denn am 
Anfang einer echten Entfaltung der Persönlichkeit steht die Bildung 
im weitesten Sinne dieses Wortes (Thomas Fleiner, Funktionswände 1 
der staatlichen Gesellschaft). Es wäre daher zu begrüßen, wenn der 
Grundrechtskatalog der Verfassung in dieser Hinsicht erweitert 
würde, indem das Recht auf Bildung verfassungsmäßig verankert 
würde. 
Das Verlangen des Bürgers nach Schutz durch den Staat kann kei 
neswegs überraschen, wenn man bedenkt, daß sich die Großbetriebe 
als bedeutende Machtträger zwischen dem einzelnen und dem Staat 
aufgebaut haben. Sie liegen zwar außerhalb des Verfassungsfeldes, 
doch beeinflussen sie Sachentscheidungen. Diese Tatsache erfüllt den 
Bürger mit Unbehagen, auch wenn er gerne bereit ist, den Glanz un 
seres Industriestaates zu besingen, und er sich wohl bewußt ist, daß 
unserem Kleinstaat dank dieser Großbetriebe der Schritt vom Agrar- 
zum Industriestaat gelungen ist. Ihr Expansionsstreben droht dem 
Kleinstaat die Grundlage zu entziehen, vornehmlich dann, wenn 
Sachentscheidungen für den Staat in Rücksicht auf die Großbetriebe 
gefallt werden. Unter diesem Gesichtswinkel scheinen Landtag und 
Regierung, die Orte, wo die staatswichtigen Entscheidungen gefallt
        

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