Bildteppiche selbst, auch das Wolle-Einfärben rech- 
nete er zu seinen eigenen Aufgaben. 
In Magdeburg war die Kunstdidaktik, die Nigg initiierte 
und zu verkörpern wusste, eine etwas andere als in 
Köln. In Köln, an den Werkschulen, liess er der Persön- 
lichkeit der Schüler und Schülerinnen sehr viel freien 
Spielraum. Sein Credo wurde dort die individuelle 
Expression. 
In Magdeburg hingegen übermittelte Nigg seine for- 
malen Kenntnisse der angewandten bildnerischen 
Techniken bis hin zur Abstraktion und zum flächigen 
Konstruktivismus eher als eine übertragbare Methode. 
Aufsehenerregend über Deutschlands Kunstgewerbe- 
und Schul-Landschaft hinaus sind die Resultate im 
ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts. 
Die Magdeburger Schule wurde mit den Wiener Werk- 
stätten verglichen, ein Kompliment für damals, obzwar 
es offensichtlich ist, dass Magdeburg mit seiner 
Schule vorausgriff und den Jugendstil in vielem früh 
hinter sich gelassen hat. Auch wenn Professoren, wie 
Albin Müller, sich namentlich mit Innenausstattungen 
im Jugendstil auszeichneten. 
Durch die kluge Schulleitung von Emil Thormählen, der 
das Vertrauen in die richtigen Leute setzte, kam die 
Kunstgewerbe- und Handwerkerschule zu hohem An- 
sehen. Schon unter Thormählens Leitung wurde kurz 
vor der Jahrhundertwende (die Unterlagen dazu sind 
in der Bibliothek zu Magdeburg auffindbar), ein neues 
und architektonisch modernes Schulgebäude errich- 
tet, wie es zur Überraschung heute noch steht. Das 
Gebäude sollte später sogar als Vorbild dienen für 
einen Schulneubau in Köln, der 1912 geplant war, durch 
den Krieg dann um Jahre verzögert wurde. 
Thormählens Wunsch war es denn auch bei seinem 
Weggang von Magdeburg im Jahre 1910, nach erprob- 
tem Muster die Kunstgewerbeschule in Köln zu refor- 
mieren. Aber durch die schwierigen Zeitumstände war 
der Anfang in Köln zäher als aller Anfang zehn Jahre 
davor in Magdeburg, und dies, obwohl Thormählen 
einige der besten Professoren aus Magdeburg zu sich 
nach Köln berief. Dazu gehörten Paul Bernardelli und 
Ferdinand Nigg. 
Zurück zum Magdeburger Schulbetrieb: die Kunstge- 
werbeschüler und ihre Professoren’ brillierten in Wett- 
bewerben und Ausstellungen; von Dresden, Berlin, 
Hamburg, von Saint Louis oder von der Brüsseler Welt- 
ausstellung 1910 geht die Rede. 
Komplimente wurden Nigg gezollt: «Es sind Entwürfe, 
die zu den modernsten Beispielen zählen.» Das Wort 
«modern» war jetzt geboren. 
Auch der «Deutsche Werkbund» zeigte anlässlich sei- 
ner Ausstellungen Arbeiten der neuen kunstgewerb- 
lichen Bewegung aus Magdeburg (vgl. S. 203-206 in 
der Monographie). 
Auf den Beitrag von Stefan Kraus zum Werkbund- 
geschehen sei hier besonders hingewiesen (S. 282ff. 
in der Monographie). 
Durch die Textilfachklassen waren Frauen (trotz der 
noch wenig in Kunstbereichen emanzipierten Frau) 
zumindest in diesen Berufsgattungen aktiv vertreten. 
Nigg hatte in Clara Möller (später verheiratet mit dem 
Schriften-Entwerfer F. H. Ehmke) jahrelang eine über- 
aus fähige Partnerin für die Textilfachklassen. 
Klassenarbeiten wurden häufig kommentiert, erfuhren 
vielfach Veröffentlichungen in namhaften Kunstge- 
werbe-Zeitschriften (vgl. Monographie) — was hier zur 
Rekonstruktion überaus dienlich ist. 
Die Magdeburger Schule fiir Gestaltung, wenn ich sie 
einmal nach heutigen Gepflogenheiten nennen darf, 
war eine der modernsten Schulen der Kunsterziehung, 
wie gesagt, wegbereitend indirekt in Sicht auf das 
Bauhaus, eine dem gesellschaftlichen Leben zuge- 
wandte, mit der Zeit und den Móglichkeiten operie- 
rende. Die Schüler konnten wáhrend der Ausbildung 
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