geben vermocht. Schon seit den sechziger Jahren des 
19. Jahrhunderts, von William Morris in England für 
seine Arts and Crafts in die Praxis übertragen, wurde 
jetzt von Gestaltern, Architekten, Kunsthandwerkern 
und Künstlern und Künstlerinnen in Deutschland die 
klare Form ins Rennen geführt. Diese ersetzte bald die 
ermüdete klassizistische Ornamentik und Ausgestal- 
tung. Grundformen hielten Einzug. 
Die Verbindung von Kunst und Kunstgewerbe, von 
Kunstgewerbe und Gewerbe (die Durchdringung von 
Kunst und Gesellschaftskultur) prägte den Ehrgeiz der 
neuen Bewegung. 
Erst zeitigte sich der Jugendstil, dann, in dessen geo- 
metrisierten späten Phasen, begann sich ein Konstruk- 
tivismus bemerkbar zu machen - für Nigg schon um 
1902 — sowie eine neue Expressivitát, die sich ankün- 
digte und mit den Bildmitteln in ihrer reinen Form 
umging; Geometrisierung wie Expression liessen in 
der Folge das abstrakte Bild entstehen. 
An diesem Aufbruch zur Moderne, aus dem wir bis in 
die zweite Hálfte dieses Jahrhunderts noch schópfen, 
waren initiative, wegbereitende Menschen beteiligt; 
Vorreiter. Dazu gehórten Ferdinand Nigg und seine 
Generation, ganz besonders Ferdinand Nigg in seiner 
Magdeburger Zeit. 
Mit den genannten Stationen einer kunstgeschicht- 
lichen Entwicklung sind zudem Ferdinand Niggs 
Werkphasen zitiert. 
Es war durchaus deutsche Kunstgeschichte, von der 
sich Nigg umgeben sah, doch diese hatte ein weites 
Geistesaug, und es wurden (wie von Künstlern und 
Künstlerinnen, Kunstgewerblern und Kunstgewerble- 
rinnen in anderen europäischen Ländern auch) der For- 
menreichtum und die Erkenntnisse elementarer Aus- 
druckswege vieler Kontinente, Kulturen (asiatischer 
Vorbilder, afrikanischer, südamerikanischer) und die 
von Jahrhunderten vernachlässigten Schätze frühester 
Kunstgeschichte mit ins gestalterische Blickfeld gezo- 
gen. Für die Textilkunst wurde die mittelalterliche (vor- 
rangig die nordische) Wirkerei bedeutsam und auf 
deren unmittelbare Material-Beschaffenheit geprüft. 
Ein Augenmerk wagte man sogar erstmals auf die 
spontane Ausdruckssuche des Kindes zu lenken. 
Das Frauenbild 
Ferdinand Nigg, Berlin und der Jugendstil 
Munchs Frauengestalten, oder vielmehr jene der 
«Nabis» zuvor schon in Frankreich, kündigten in der 
freien Malerei der achtziger und neunziger Jahre die 
neue Sicht an, noch bevor das Kunstgewerbe diese 
aufgriff und zum Stil umfunktionierte. Im Stilisieren 
nämlich lag der Schritt zum «Design», zur Gestaltung 
schlechthin, verborgen, auch jener zum «Industrial 
Design», wofür in Deutschland Werkstátten (und ein 
«Deutscher Werkbund») eingetreten sind, die künstle- 
rische Gestalt innerhalb der Gesellschaftskultur neu 
und zeitgemáss proklamierend. 
Bereits in Augsburg und München, wo Nigg von 1895 
bis 1898 als Lithograph und Entwerfer angestellt war 
(davor hatte er in Zürich bei Orell Füssli seine Aus- 
bildung erhalten), ist sein Wille zu gestalterischen, for- 
mal konsequenten Schritten ahnbar. Selbstándig aber 
konnte er sich erst in Berlin entfalten. In Berlin (1898 
bis 1903) brachte er seine Vorstellung vom Jugendstil 
zur Reife, um diesen schliesslich zu überwinden. 
Im Gegensatz zu England, Holland, Belgien oder Frank- 
reich, trat der Jugendstil in Deutschland eher schwer- 
fállig, massiv auf. 1902 noch erwarb Nigg sich darin mit 
seinem Plakat-Entwurf zur Deutschen Stádteausstel- 
lung 1903 in Dresden, neben zahlreichen vorangehen- 
den Auszeichnungen bei Wettbewerben, den ersten 
Preis. Viele Titelbilder hatte er für besagte Kunstge- 
werbehefte («Berliner Architekturwelt», «Innendekora- 
tion», «Deutsche Kunst und Dekoration», später für 
das von Muthesius geförderte «Kunstgewerbeblatt», 
zuletzt noch für die «Jugend») gestaltet, und viele Bei- 
träge weisen auf ihn hin. Ein sehr schönes Beispiel 
im Duktus seines frühen Jugendstils zeigt das Pro- 
grammblatt der Secessionsbühne von 1900, wovon ein 
Beispiel noch in der Berliner Kunstbibliothek — mit 
anderen Niggschen Graphiken — aufgehoben ist (vgl. 
S.186 in der Monographie). Damals ist Otto Eckmann 
auf Nigg aufmerksam geworden, und Max von Boehn 
blieb ein eifriger Freund und Gónner des Jugendstil- 
künstlers Nigg. Neben den Fachbereichen Graphik und 
Textil hat sich Nigg damals in der Buchgestaltung und 
im Buchschmuck stark profiliert. 
Der Jugendstil hatte Nigg das beste Mittel auch zu 
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