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Ca Casu à, 
Jasper Johns (*1930) 
  
Figure 7, 1968, Blatt 7 aus der Folge Black and White Numerals 
Farblithographie 
68,6 X 54 cm 
94 X 75,5 cm 
Bez. u. 1.: 19/70, u. r.: J. Johns 68 
Field 101; ULAE 51 
LSK 73.09 
1960 versuchte sich Johns erstmals im Medium der Lithogra- 
phie. Auf einen Stein, den er von Tatyana Grosman, der Leiterin 
des Graphikateliers ULAE, erhielt, zeichnete er oben die Zah- 
lenreihe von null bis neun, darunter eine grosse Null. Nach dem 
Druck des Steins mit den Ziffern überarbeitete er diesen, indem 
er über der Ziffer Null im unteren Teil eine Eins setzte, wobei er 
Spuren der ersten Zahl stehen liess. Nach erneutem Druck folg- 
te die Ziffer Zwei über der ausradierten Eins; anschliessend 
wurde das gleiche Verfahren bis zur Neun mit den übrigen Zif- 
fern fortgesetzt. Alle zehn Graphiken wurden somit vom glei- 
chen Stein gedruckt.‘ In der Bezugnahme der einzelnen Blätter 
auf die vorangehenden wird ein Grundprinzip von Johns’ Schaf- 
fen deutlich: die Abwandlung eines Motivs unter Beibehaltung 
der Referenz seiner Herkunft. Durch die Konfrontation von 
gleichzeitig Ähnlichem und Verschiedenartigem erzeugt der 
Künstler Irritation und bewirkt damit bewusstes Wahrnehmen. 
So zwingt das Nebeneinander von kleiner Zahlenreihe und gros- 
ser einzelner Ziffer in einer verwandten, 1960—1963 entstan- 
denen Lithofolge den Betrachter zum stándigen Wechsel des 
Blicks.? Und in der 1967/68 edierten Folge von Radierungen lóst 
das Zusammentreffen der grossformatigen Zeichnung einer Ta- 
schenlampe, einer Fahne, von Bierdosen oder anderen Objekten 
mit einer kleinen Photograviire desselben Gegenstandes die 
Frage aus, welche der Komponenten — die Kunstform Zeich- 
nung oder die getreue Gegenstandswiedergabe im Photo — An- 
spruch auf mehr «Realität» hat. 
Ähnliche Fragen wirft unser Blatt mit der Zahl 7 aus der 1968 
edierten Folge der Black and White Numerals, Figures from 0 to 9 
auf? Durch den Wegfall der doppelten Ziffernreihe von 1960 ge- 
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winnen die Graphiken an Monumentalitát. Die zehn Lithogra- 
phien sind diesmal von je einem Stein in Schwarz und einer 
Aluminiumplatte in einem warmen Grauton gedruckt. 1969 
folgte von den gleichen Steinen ein Neudruck in Farbe, wobei 
durch Abrollen einer mit mehreren Farben bestrichenen Walze 
ein irisierender Effekt erreicht wurde. 
Bei der Edition in Schwarzweiss sind die einzelnen Ziffern in 
verschiedenartige graphische Strukturen eingebunden: So wirkt 
die 5 wie eine Pinsellavierung, die 6 ist durch eine feingewobene 
Textur von Strichen fast unsichtbar, die 9 erscheint als Negativ- 
kontur vor schwarzem Grund. Das Blatt der Liechtensteinischen 
Staatlichen Kunstsammlung weist mit verschiedenen Instru- 
menten aufgetragene breite und schmale Strichlagen auf. Merk- 
würdig ist, dass Johns hier das einzige Mal ein figürliches Motiv 
integriert hat, allerdings seitenverkehrt, indem er ein Abziehbild 
der Mona Lisa auf den Stein übertrug. Kunst im Spannungsfeld 
von Wahrnehmung und Wirklichkeit, das oben angesprochene 
Grundthema im Œuvre Johns’, wird in unserer Graphik beson- 
ders augenfállig: Die Mona Lisa, das Kunstobjekt par excellence, 
als figürliches Element jedoch zugleich «realer» als die Ziffer 7, 
gesellt sich zur Zahl, einer abstrakten Grósse, die aber durch die 
formale Ausgestaltung ebenfalls sinnliche Präsenz erhält. Der 
formalen Spannung entspricht auch eine inhaltliche: Die geheim- 
nisvolle, vielen Kulturen heilige Primzahl 7 verbindet sich mit 
dem ebenso unergründlichen Lácheln der Mona Lisa. Vielleicht 
bezieht sich Johns auf die Verfremdung des berühmten Gemál- 
des durch Marcel Duchamp, der im Entstehungsjahr der vorlie- 
genden Graphik gestorben ist. Im gleichen Jahr hat der Künstler 
seinem Vorbild im Artforum eine Hommage gewidmet. PM. 
Jasper Johns. Graphik. Hrsg. Carlo Huber. Bern, 1970, Nrn. 17-26. Vgl. auch 
Crichton, Michael: Jasper Johns. New York, 1977, S. 44, sowie Castleman, Riva: 
Jasper Johns’ Druckgraphik. In: Jasper Johns. Retrospektive der Druckgraphik. 
Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt. München, 1986, S. 11 f. 
? Carlo Huber spricht von Bi- oder Multifocalität. Siehe Huber, wie Anm. 1 (8. Seite 
des Artikels). 
Ebd., Nrn. 94-103. 
* Johns, Jasper: Marcel Duchamp (1887-1968). An Appreciation. In: Artforum 7, 
vol. 6 (1968), no. 3, S. 6. 
  
 
        

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