Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
15
Erscheinungsjahr:
1991
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000046681/79/
Urs Altermatt zuhandeln, die den Modus vivendi zwischen den Sondergesellschaften zum Ziel hatten. Der sich seit den späten 1960er Jahren abzeichnende Erosionsprozess der traditionellen Bindungen deutet auf einen Paradigmawechsel hin, der zu einem 
langsamen Zusammenbruch der traditionellen Säulen fuhrt. Die geographische und soziale Mobilität, die der Modernisierungsschub nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte, zerstörte die sozialen Grundlagen der Milieus. Damit geht eine lange Epoche dem Ende zu. Seit Mitte der sechziger Jahre zeichnet sich ein eigentlicher Umgruppierungsprozess ab. Offen bleibt die Frage, ob es sich um einen normalen Zyklus in der Wellen­ bewegung der Industriegesellschaft oder um eine historische Wende han­ delt. Auch wenn das neue Paradigma vorläufig diffuse Konturen aufweist, steht eines fest: Die Sozialform der Milieus, die sich über alle sozioökono- mischen Wellenbewegungen hinweg von 1850 bis 1950 halten konnte, befindet sich in einem Auflösungsprozess. In dem Masse, in dem die Milieus den einzelnen Bürgern nicht mehr Orientierungshilfen in der komplex gewordenen Welt zur Verfügung stel­ len, nimmt die Unsicherheit und Desorientierung zu. Die Zahl der Wech­ selwähler steigt an. Damit beginnt das Lager der Regierungsparteien zu­ sammenzuschmelzen. Die 70 %-Grenze (= Summe der Wahlprozente von FDP, CVP, SPS und SVP) kann man als kritischen Punkt für den Weiterbe­ stand der heutigen Zauberformel in der Schweiz ansehen. Fazit: Mit dem Zusammenbruch der Milieus zerfällt ein wesentliches Element des Konkordanzsystems. Man kann von einer eigentlichen Desta- bilisierung des Systems sprechen. Die Entideologisierung fördert nicht die Konkordanz; im Gegenteil, sie vergrössert in ihrer letzten Konsequenz die Polarisierung an den Rändern der Konkordanz. Der Druck auf die Kon­ kordanz erhöht sich. Nun zu den 
exogenen Faktoren. Die Schweiz hatte in der bisherigen Ge­ schichte das Glück, nationale 
Integrationskonflikte im Vergleich zum umlie­ genden Europa ungleichzeitig durchzuleben. So fanden in der Schweiz die konfessionellen Bürgerkriege nicht zur selben Zeit wie im übrigen Europa statt. Während des Dreissigjährigen Krieges von 1618-1648 machte die Eid­ genossenschaft eine verhältnismässig ruhige Periode durch. Im W.Jahrhun­ dert hatte sich die mehrsprachige Schweiz bereits stabilisiert, als der Natio­ nalismus zentrifugale Kräfte auslöste. Im Ersten Weltkrieg blieb der Staat neutral, auch wenn die Welsch- und die Deutschschweizer mit unter­ schiedlichen Kriegsparteien sympathisierten. Unter der Bedrohung des 84
        

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