Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
15
Erscheinungsjahr:
1991
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000046681/78/
Diskussionsbeitrag das 
Kulturkampf-Paradigma nach der Mitte der 1880er Jahre an Bedeutung. Freisinn und politischer Katholizismus näherten sich einander an und bilde­ ten in der Abwehr des Sozialismus ein Defensivbündnis. Die freisinnig­ konservative Sammlungsbewegung führte 1891 zum Eintritt des ersten Christlichdemokraten in die freisinnig beherrschte Landesregierung. Die klassenkämpferischen Spannungen verstärkten nach der Jahrhundert­ wende von 1900 den Bürgerblock. Von 1900 bis Mitte der 1930er Jahre prägte das 
Klassenkampf-Paradigma die Politik. In den dreissiger Jahren zeichnete sich ein Konstellationswechsel ab. Sozialdemokraten und Bür­ gertum rückten unter dem äussern Druck des Faschismus vom Klassen­ kampf ab und bildeten einen nationalen Schulterschluss. Das neue 
Para­ digma der Konkordanz führte zu einer proportionalen Machtverteilung. In der Krisenzeit des Zweiten Weltkrieges trat 1943 der erste Sozialdemokrat in den Bundesrat ein. 1959 kam die heutige Zauberformel-Regierung zu­ sammen, die eine Allparteien-Koalition mit zwei Freisinningen, zwei Christlichdemokraten, zwei Sozialdemokraten und einem Vertreter der SVP brachte. Für die Interpretation der modernen Schweizergeschichte ist es bedeutungsvoll, dass die drei weltanschaulichen Milieus den Bürgern ermöglichen, die politischen Fragen durch den Spiegel des jeweiligen Milieus zu sehen. Diese Interpretationshilfe führte zu einer Vereinfachung der komplexen Gesellschaftsordnung. In dem Masse, in dem sich die moderne Gesellschaft partikularisierte und die nationale Identität aus­ einanderbrach, wurden die Milieus zu wichtigen sozialpsychologischen Klammern. Anders formuliert: Es brauchte die Ghetto-Mentalität der Milieus, um die einzelnen Minderheiten gleichsam kulturseparatistisch voneinander abzugrenzen. Die Milieus schufen vor 1960 ideologische Grenzen, damit sich die Mitglieder der drei Blöcke voneinander unterschei­ den konnten. Wie ich in meinem Buch «Katholizismus und Moderne» (1989) aufgezeigt habe, bauten die drei weltanschaulichen Blöcke eine eigentliche Sondergesellschaft; auf, die dadurch funktionierte, dass sich die Mitglieder äusserst diszipliniert verhielten. Als sich die nationale Gesellschaft nach 1874 zentralisierte, entwickelten sich die Milieus zu eigentlichen Säulen, die die schweizerische Gesellschaft trugen. Ohne die intermediäre Funktion der Milieus zwischen Zentralstaat und gesell­ schaftlichen Fragmentationen und Formationen wäre die moderne Schweiz kaum zustande gekommen. Die Disziplin der Basismitglieder ermöglichte es den Eliten, auf der Ebene der Spitzen Kompromisse 
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