Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
15
Erscheinungsjahr:
1991
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000046681/18/
Das konkordanzdemokratische Modell zialtechnologischen Manipulierbarkeit solcher Konflikte. Und er vernach­ lässigt die eigentümliche historische Lokalisierung des Phänomens. Ich denke, dass wir zunächst sehr viel stärker auf die sozialgeschichtlichen Aus­ gangsbedingungen achten müssen. Dann bleibt zwar ein Zusammenhang mit kultureller Fragmentierung erhalten; aber es spricht vieles dafür, dass Konkordanzdemokratie das Produkt einer bestimmten Phase von Prozes­ sen gesellschaftlicher und politischer Mobilisierung und Demokratisierung ist und dass sie tendenziell an diese Phase, die eine Ubergangsphase dar­ stellt, gebunden ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem ein Phänomen, das man in den Niederlanden als «Versäulung» oder in Osterreich als Lagerbildung beschrieben hat: Die traditionelle Autoritätsstruktur der Subkulturen (das wird besonders bei katholischen Minderheiten deutlich) verändert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem durch die Entstehung eines Netzwerks formaler Organisationen. Diese Organisationen sind durch ihre Identifikation mit der Subkultur und oft auch durch Rollenku­ mulation zusammengehalten: so insbesondere der (in Deutschland sog.) «politische Katholizismus» und die klassische kontinentaleuropäische «Arbeiterbewegung». Auf der Seite der bislang dominierenden Subkultur (z. B. liberales Bürgertum) ist diese Integration im Lager weniger augenfäl­ lig, sie ergibt sich sozusagen als Folgewirkung der Abkapselung der minori- tären Subkulturen. Die innere Bindungskraft dieser verschiedenen Subkul­ turen ist jedenfalls - als Folge der Organisationsentwicklung und der Bin­ dungskraft dieses Organisationsnetzes - so stark, dass sie ihre Anhänger weitgehend zusammenhalten kann und ein funktionierender Wählerstim­ menmarkt auf nationaler Ebene nicht entsteht. Auch in der Schweiz, bei der man wegen der föderativen Uberlagerung von Konfliktlinien (Sprache, Konfession) nicht in ähnlicher Weise von «Versäulung» sprechen kann, bil­ det sich ein solcher Wählerstimmenmarkt nicht aus. Dies schafft nun für die Führungsgruppe der zunächst dominanten Sub­ kultur eine strategische Problemlage, die man mit der mittlerweile bekann­ ten spieltheoretischen Konstellation des Gefangenendilemmas beschreiben kann. In diesem sozialwissenschafdichen Modell hält die Anklagebehörde zwei Komplizen eines Vergehens in Einzelhaft und ohne Kommunika­ tionsmöglichkeit gefangen, gegen die sie keine Beweise hat. Entschliesst sich der eine, gegen den anderen auszusagen, so geht er völlig straffrei aus, wäh­ rend den anderen die volle Härte des Gesetzes trifft. «Singt» keiner von bei­ den, so riskieren beide nur eine begrenzte Strafe wegen eines geringfügigen 19
        

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