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Spontan fällt mir ein, dass man die Schweiz bis anhin als 
Paradies bezeichnet hat. Mir kommen die Industrie, Scho- 
kolade und Uhren in den Sinn. 
Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und habe dort meine 
Lehre als Verkäuferin und die Wirtefachschule gemacht. 
Seit siebzehn Jahren bin ich in Liechtenstein, vorher war ich fünf Jahre 
in Italien; ansonsten habe ich mein Leben in der Schweiz verbracht. 
Meine Beziehung zur Schweiz ist gross. Angehörige und Freunde leben 
dort, und es freut mich, wenn ich in meine Heimat gehen kann. Ich habe 
die Schweiz sehr gerne, sie ist ein schönes Land. 
Eine sehr negative Erfahrung machte ich in meiner eigenen Heimat- 
gemeinde, wo ich als Alleinerziehende mit zwei Kindern eine Existenz 
aufbauen wollte. Ich führte ein Motel mit Tankstelle, aber man hat mir 
so lange Knüppel in den Weg gelegt, bis ich es nicht mehr aushielt. Ich 
bin dann ins Ausland gegangen und habe die Erfahrung gemacht, dass 
ich dort eher aufgenommen wurde. 
Es gäbe an der Politik und an der Wirtschaft viel zu ändern. Wie die 
Wirtschaft gehandhabt wird, ist mir oft ein Rätsel: Auf der einen Seite 
haben wir eine Überproduktion von landwirtschaftlichen Produkten, 
auf der anderen Seite muss man Milliardenbeträge ausgeben, um sie zu 
vernichten, nur um die Preise halten zu können. 
Die Flüchtlings- und Ausländerpolitik ist im Moment ein Problem, 
das die Schweiz fast erdrückt. Es ist sehr schwer zu unterscheiden, wer 
wirklich politischer und wer Wirtschaftsflüchtling ist. Oberflächlich 
gesehen meint man zwar, es wäre einfach, aber vom menschlichen 
Standpunkt her ist es nicht so leicht zu sagen: «Du verreis’, du hast hier 
nichts verloren!» Dass der Schweizer manchmal unzufrieden ist, weil er 
das Gefühl hat, er komme gegenüber den Ausländern zu kurz, kann ich 
begreifen. Vielleicht sollte das Volk, anstatt nur zu reklamieren, zusam- 
mensitzen und nach einem Weg suchen. 
Mir gefällt an den Schweizern der Fleiss. Sie sind in gewissem Sinne 
kontaktfreudig und sehr lernfähig. Sie sind auch sauber und pedantisch 
und gegenüber Ausländern skeptisch. 
Für mich persönlich war mein Vater der bedeutendste Schweizer, 
weil zu ihm die Beziehung am grössten war. 
R>- 
Ruth Caluori, Eschen, *1938, Schweizerin, Angestellte und Hausfrau 
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