o Spontan verbinde ich mit der Schweiz Clichés: Berge, 
Käse, Frieden, Freiheit, Banken, Wohlstand, Sauberkeit. 
Wenn ich meiner Beziehung zur Schweiz etwas tiefer auf 
den Grund gehe, fühle ich, dass ich gespalten bin. Von der 
Abstammung her bin ich ein europäischer Mischling, an 
dem innerhalb dreier Generationen sechs Nationalitäten beteiligt 
waren. Die Schweiz ist also ein Stück Mitheimat im Europäischen Haus. 
Man spürt das, wenn man vom Ausland zurückkommt. Es ist grün in 
der Schweiz, es ist eine friedvolle Gegend, auch wenn man nicht fried- 
voll mit der Landschaft umgeht. Es hat irgendeine Komponente, die 
einen im Sensorium trifft. Man fühlt sich wieder wohl, spürt Heimat, 
obwohl ich den Heimatbegriff weiter sehe. Wenn man 20 Jahre in 
Liechtenstein lebt, ist auch das Heimat. 
Geboren bin ich im Wallis, aufgewachsen in Basel, studiert habe ich 
in Zürich, und das Bürgerrecht besitze ich in Altstätten im St. Galler 
Rheintal — die Erfahrungen sind also reichhaltig. Dabei ist mir immer 
wieder die Suche nach Kompromissen aufgefallen; die politische Situa- 
tion zwingt zur Dialogfähigkeit. Man muss zum Kompromiss wachsen. 
Das ist für mich eine der positivsten Eigenschaften. In Ergänzung dazu 
steht der Umstand, dass es in der Schweiz keine Unterdrückung von 
Minoritäten gibt. Die Schweiz ist mein Vorbild im Umgang mit Mino- 
ritäten. Ich denke ans Rätoromanische, Italienische, Französische, an das 
Verhältnis der Sprachgruppen untereinander. 
Im Bereich der negativen Erfahrungen könnte ich mich dem 
Schweizer Historiker Herbert Lüthy anschliessen, der einmal gesagt 
hat: «In rein quantitativ geschäftstüchtiger Ausnützung der Konjunktur 
hat unser Land die ausserordentliche Gunst der Stunde genutzt und 
vielleicht verschleudert. Es wurde vorwiegend gerafft und nicht experi- 
mentiert. Die Schweiz, intakt wie sie war, hätte sich zum Laboratorium 
Europas entwickeln können. Doch der wachsende Wohlstand treibt 
nicht dazu an, das Übermorgen ins Visier zu fassen. Er nährt nur die 
Gier. Die Satten wollen noch satter werden.» Das heisst: Viel Geld führt 
nicht unbedingt zu vielen Ideen, es gibt keine Kraft für Visionen. Die 
Schweiz ist kein Modell mehr. Sie hätte zwar, wie Liechtenstein auch, 
alle Grundlagen: Sie ist übersichtlich, sie hat Geld, aber sie ist einfach 
immer noch zuwenig Vorbild. Es kommt hinzu, dass der Schweizer 
ganz gerne eine gewisse Überheblichkeit zeigt. Er schaut auf die andern 
hinab und meint, er sei sowieso der bessere, und er wisse alles besser. 
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