Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
14
Erscheinungsjahr:
1990
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000041654/80/
Peter Geiger 13. Fazit: «Anschluss» als Topos der liechtensteinischen Geschichte «Anschluss» ist in der liechtensteinischen Geschichte erst mit der Anschlussgefahr in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem eigentlichen Topos, einem allgemein verwendeten Begriff mit bestimmter, zentraler, ja existentieller und moralischer Bedeutung geworden. Die geradezu trauma­ tische Erfahrung mit Perspektive und Gefahr eines Anschlusses an Hider- deutschland in den sieben Jahren von 1938 bis 1945 prägt Liechtenstein mental bis heute. Die in den obigen Kapiteln gebotene Übersicht über Anschlussideen und Anschlussgefahren für Liechtenstein in der jahrhundertelangen Geschichte des Landes mag auch die Anschlusserfahrung in eine breitere, historische Perspektive setzen, indem das Spezifische daran ebenso sichtbar wird wie der Traditionsfaden, in den auch sie geknüpft ist. Abschliessend lassen sich folgende Feststellungen, im Sinne von über­ blickenden Ergebnissen, treffen: 1. Liechtenstein war in seiner Geschichte immer wieder Anschlusskonzep­ ten von aussen und innen ausgesetzt. Dies war vor allem eine Folge der Kleinheit. Ein so kleiner Staat lebt auch in dieser Hinsicht immer eine gefährdete Existenz. 2. Von aussen waren es Arrondierungsgelüste Grösserer, die nach Liech­ tenstein auszugreifen suchten, sei es durch Kauf, durch Mediatisierung oder durch Eroberung. 3. Von innen förderten Selbstzweifel Anschlussvorstellungen in Form von Ängsten wie von Wünschen. Dies war 1848/49 sowie ab 1938 der Fall, freilich unter je völlig verschiedenen Vorzeichen. 4. Anschlusswünsche oder -befürchtungen waren in Liechtenstein auch immer eine Funktion des Umfeldwandels: Sie kamen in Liechtenstein immer dann auf, wenn die Umwelt in Bewegung geriet und sich Gren­ zen und Herrschaft in der engeren und weiteren Nachbarschaft verscho­ ben. Dies war zur Zeit Napoleons und des Wiener Kongresses, dann wieder im Zug der versuchten deutschen Einigung 1848/49, erneut nach dem Ersten Weltkrieg infolge des Zusammenbruchs der Donaumonar­ chie und schliesslich ab 1938 durch die neue grossdeutsche Nachbar­ schaft und den Weltkrieg der Fall. Not der Gegenwart und Spekulatio­ nen in die zukünftige Entwicklung nährten dann jeweils Anschlussge­ danken und -ängste. 84
        

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