Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
14
Erscheinungsjahr:
1990
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000041654/42/
Arno Waschkubn Kleinheit liegen, es sei denn, man verwechselt Kleinheit mit Kleinmut. Ich glaube aber, dass das Bedürfnis nach sinnvoller und konstruktiver Ausein­ andersetzving in Liechtenstein durchaus vorhanden ist und weiter wächst. Der Kleinstaat stellt ja sowieso die am wenigsten künstliche staatliche Form dar, und es wurde auch in der Literatur schon des öfteren festgestellt, dass die Demokratie als «selbstverantwortliche Bürgerschaft» (Herbert Lüthy) sich vor allem in überschaubaren Räumen ereignen könne.57 Allerdings droht auch die «Tyrannei der Intimität». In seiner bekannten Untersuchung zum Verfall und Ende des öffentlichen Lebens wird von Richard Sennett überzeugend dargelegt, dass die Lokalisierung der menschlichen Erfahrung, ihre Beschränkung auf die nächste Umgebung und der überragende Stellenwert der unmittelbaren Lebensumstände die Beschäftigung mit den res publica verdrängt habe durch die irrige Annahme, gesellschaftlicher Sinn erwachse aus dem Gefühlsleben der Individuen und aus dem Gemütszustand von «Heimat» heraus: «Der Lokalismus und die lokale Autonomie werden zum politischen Credo, als nähmen Machtver­ hältnisse um so menschlichere Züge an, je intimer der Raum ist, in dem sie wahrgenommen werden.» Die Menschen «streben nach einer intensiven Geselligkeit, doch ihre Erwartung wird enttäuscht. Je näher die Menschen einander kommen, desto ungeselliger, schmerzhafter, destruktiver werden ihre Beziehungen zueinander.»58 Die Hervorhebung des Wertes der Gemeinschaft und des Miteinanders ist reichlich paradox; denn gleichzeitig werden Aussenseiter (oder die man dafür hält) ausgegrenzt und verbarrikadiert sich die Gemeinschaft selbst. «Umgang und Austausch mit Fremden gilt allenfalls als langweilig und un­ ergiebig, wenn nicht gar als unheimlich.» Man zieht sich zurück. Das Pri- vadeben gilt «als so kostbar und zerbrechlich, dass es nur gedeihen kann, wenn es geschützt und isoliert wird. Jedem einzelnen ist das eigene Selbst zur Hauptbürde geworden. Sich selbst kennenzulernen, ist zu einem Zweck geworden, ist nicht länger ein Mittel, die Welt kennenzulernen.... Je mehr (aber) die Psyche privatisiert, d. h. ins Private gedrängt wird, desto weniger wird sie stimuliert und desto schwieriger ist es für uns, zu fühlen oder Gefühle auszudrücken.»59 57 Siehe u. a. Cappis, 29. 58 Sennett, 380 f. 59 Ebd., 15f. 44
        

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