Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
14
Erscheinungsjahr:
1990
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000041654/16/
Arno Waschkuhn politischer Einheiten konkret macht, hat der Kleinstaat aber auch Vorteile, die gerade auf seiner Spezifik beruhen. Obschon die wichtigsten Heraus­ forderungen und Probleme zumeist ausserhalb der eigenen Kontrolle lie­ gen, kann nämlich Kleinheit in eigener Weise wichtig und vorteilhaft sein. Damit ist nicht, trotz des Eigennutzenaxioms und der materiellen Be­ gehrlichkeit, das Gesellschafts- und Treuhandwesen gemeint, das - wie Gerard Batliner einmal feststellte - ohne Ethos ist, weil es nahezu alles (und zu viel, A. W.) erlaubt. Es ist auch nicht der für viele höchst erfreuliche Um­ stand gemeint, dass Kleinstaaten oftmals «Steueroasen» sind. Der Histori­ ker Heinrich von Treitschke, im übrigen ein Verkünder nationaler Macht­ politik und schon von daher kritisch zu betrachten, nannte eine niedrige Steuerbelastung sogar «bettelhaft» und bemerkte drastisch: «Wenn ein Staat wie eine Eierschale nicht drücken soll, so kann er auch nicht schüt­ zen.»7 Dies alles meine ich also nicht, sondern ich beziehe mich auf einen Ansatz, den ich als einen anthropologisch-sozialen bezeichnen möchte, insofern er auf den Menschen oder die Person unter kleinstaatlichen Hand­ lungsbedingungen abstellt. Dieses Verständnis des Kleinstaates wird in Liechtenstein in erster Linie von Alt-Regierungschef Gerard Batliner vertreten.8 Er zählt vier Struktur­ elemente des Kleinstaates auf, die zugleich Vorzüge oder den besonderen Reichtum des Kleinstaates darstellen, nämlich 1. als Ordnungseinheit der Geltung der Person, 2. als Friedensordnung, 3. als Lebenseinheit internationaler Solidarität und 4. als Lebenseinheit offener Kommunikation. Ich fasse einige Begründungsmuster für diese Annahmen zusammen: Der Kleinstaat ist auf Menschenmass zugeschnitten aufgrund vielfältiger per­ sönlicher Kontaktmöglichkeiten bis hin in die obersten politischen und anderen Stellen. Der einzelne ist im Kleinstaat weniger anonymen Mächten und Apparaten ausgeliefert. Der Kleinstaat ist wegen seiner geringen Machtfülle per se ein pazifistischer Staat. Er ist nicht in der Lage, im Innern grosse Macht auszuüben, und er ist wegen seiner Kleinheit auch dazu unge­ eignet, über andere herzufallen und anderen seinen Willen aufzuzwingen. Der offensiv wie defensiv machdose Kleinstaat ist wie kein anderer auf den 7 Zit. nach Cappis, 169. 8 Batliner, Strukturelemente. 18
        

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