Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
26
Erscheinungsjahr:
1989
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_26/21/
Liecht. Umweltbericht, Dezember 1989 Seite 21 Die Nutzung der Ackerbauflächen für den Getreidebau hat während der letzten 40 Jahre jedoch von 49 auf 75 Prozent (=eine relative Zunahme um 53 Prozent) zugenommen. Im Gegensatz dazu hat der Anteil der für den Futterpflanzenbau bestimmten Flächen von einst 29 Prozent auf 17. Prozent (= relative Abnahme um mehr als 40 Prozent) abgenom- men. Noch krasser ist der Rückgang der Hackfrüchte von 16 auf nur 6 Prozent (= relativer Verlust von über 62 Prozent) der Fläche. Auch der Anteil der mit Gemüse und Hülsenfrüchte bewirtschafteten Flächen hat sich in diesem Zeitraum auf weniger als die Hälfte der einstigen Ausgangsgrösse verrin  gert. 
Der Anteil der Brachfläche hat von einst mehr als 3 Prozent auf nur 0,5 Prozent abge- nommen. Dies entspricht einer Reduktion auf kaum 17 Prozent des Ausgangswertes. Dazu kommt, dass vor etwa 25 Jahren oft noch mehr als 25 Pflanzenarten auf derselben Flä- che landwirtschaftlich genutzt wurden, wo heute nur noch 4 bis 5 angebaut werden. Der Handelsdüngereinsatz hat sich während der letzten 30 Jahre trotz Verringerung der land- wirtschaftlichen Flächen mehr als verdrei- facht. Noch weit höher ist aber die Steigerung des Reinnährstoffverbrauches je Hektar land- wirtschaftlich genutzter Fläche, nämlich von 26 kg je Hektar. im Jahre 1950 auf 149 kg je Hektar im Jahre 1982 (= dies entspricht einer Steigerung um 573 Prozent). Der intensive Düngemitteleinsatz bewirkt eine Vorverle- gung des Erntezeitpunktes und ermöglicht eine häufigere Nutzung, insbesondere auf Grünlandflächen. Dies führt gemeinsam mit dem Einsatz neuzeitlicher landwirtschaftli- cher Maschinen (d. h. schnellere Geräte mit grösserer Arbeitsbreite) unter den frei- lebenden Tieren vor allem im Frühjahr und Frühsommer durch die Zerstörung von Gele- gen und Verletzung oder Tötung von Jungtie- ren zu grossen Verlusten. Ausserdem hat sich als Folge dieser Düngungsmassnahnmen  die Zusammensetzung des Nährbodens geändert, was ausser der Auswirkung auf die Bodenflo- ra und -fauna, bedingt durch die unterschied- lichen pflanzenspezifischen Ansprüche auch zu einer Veränderung des Pflanzenbestandes geführt hat. Pestizide mit schweren Folgen Diese Entwicklung wurde durch den massiven Einsatz von Herbiziden und Insektiziden noch massgeblich gefördert. Durch den Einsatz der vorgenannten Agrarchemikalien kommt es zur Vernichtung zahlreicher, für freilebende Tiere, 
z.B. das Rebhuhn, ernährungsphysio- logisch besonders wertvoller Pflanzen und In- sekten. Dabei ist ausser der unmittelbaren Wirkung auf Nahrungspflanzen und Insekten eine für die Lebensraumqualität  bedeutend schwerwiegendere indirektere Beeinflussung des Nahrungsangebotes dadurch gegeben, dass mit der Ausmerzung bestimmter Pflan- zen, die für viele Kleinlebewesen (z. B. Insek- ten, Schnecken) absolut lebensnotwendige Kleinstlebensräume darstellen, auch die für freilebende Tiere als Nahrung lebenswich- tigen Kleinlebewesen aus den Biotopen ver- schwinden. Störung und Verlust von Lebensräumen; Tourismus Aber auch im Gebirge und da vor allem im Lebensraum Wald stellt das Tier je nach Art und Geschlecht, aber auch je nach Jahreszeit 
unterschiedliche Ansprüche an seinen Le- bensraum. Durch vom Menschen verursachte Einflüsse werden die Tiere aus den seit Gene- rationen genutzten Biotopen verdrängt, bzw. wird ihr Lebensraum auf bescheidene Restflä- chen eingeengt. Dies ist aber nicht nur für das freilebende Tier mit Nachteilen verbunden, z.B. den Verlust an Deckung und Äsung und sonstigen mehr oder minder lebensnotwendigen ökologischen Requisiten, sondern ist gleichermassen auch für den Lebensraum selbst, z.B. auch für den örtlichen Pflanzenbestand von Nachteil. Im Hinblick auf die Qualität und Grösse des für freilebende Tiere effektiv nutzbaren Lebens- raumes kommt in den Gebirgsländern dem Tourismus eine besonders grosse Bedeutung zu. So hat sich in Österreich z. B. die Zahl der Nächtigungen während der letzten 4 Jahr- zehnte mehr als Verzehnfacht (auf ganz Österreich bezogen fast 150 Millionen Nächti- gungen im Jahr). Dabei wirkt sich für die alpinen Lebensräume besonders nachteilig aus, dass sich der Anteil an Nächtigungen extrem auf die Wintersaison verlagert. Gerade dies ist aber jene Jahreszeit, in der die freilebenden Tiere zusätzliche Ruhestörungen und weitere Einengungen der ihnen verblie- benen Lebensräume nicht nur am schwersten verkraften, sondern leider auch immer häufi- ger sowohl die Funktion dieser Ökosysteme  als auch ihren wirtschaftlichen Ertrag völlig zerstören. Einen qualitativen und quantita- tiven Nahrungsmangel kann der tierische Or- ganismus, wenn auch nur zeitlich begrenzt, durch ökonomisches Haushalten mit der Energie und aus körpereigenen Reserven mehr oder minder kompensieren. Für die durch den Menschen verursachten, massiven Störungen und Beunruhigungen sind die na- türlichen körpereigenen Depots allerdings zu- meist nicht mehr ausreichend vorhanden, dies führt zu einem unbiologischen Ansteigen der Fall Wildrate — zuvor kommt es aber auch häu- fig zu einer Explosion der Wildschäden. Radioaktivität Die Indikatorfunktion der freilebenden Tiere im Hinblick auf die Belastung eines Lebens- raumes bzw. der dort lebenden Menschen und Tiere mit radioaktiven Stoffen trat auch nach 
dem Reaktorunfall von Tschernobyl (UdSSR) deutlich in Erscheinung. Bei der Erfassung der Belastung der einzelnen Regionen' konn- ten wir eine deutliche Abhängigkeit mit der in diesem Raum zur kritischen Zeit gemessenen Niederschlagsmenge feststellen, in der sich die radioaktiven Luftmassen über diesem Ge- biet befunden haben. Die aus höheren Berg- lagen stammenden Tiere waren höher belastet als solche aus dem Flachland. So zeigen z. B. Rehe eine höhere Belastung als andere Wild- tiere. Aber auch hinsichtlich, des Grades der Belastung der einzelnen Körperteile und Or- gane konnten ebenso Gesetzmässigkeiten festgestellt werden wie die Abhängigkeit vom Alter des Tieres. Mit Hilfe biochemisch-genetischer Untersu- chungsmethoden kann man sehr gute Infor- mationen über die Isolation bzw. Kommuni- kation von Tierpopulationen in Lebensräu- men erhalten. Diese letztgenannten Untersu- chungstechniken stellten u. a. wertvolle Hilfs- mittel bei der Erstellung von Regionalplan- ungskonzepten dar. Unser gesamter Lebensraum hat sich, beson- ders während der letzten 40 Jahre, qualitativ, aber auch quantitativ grundlegend verändert. Er ist in seiner Funktion nicht mehr mit jenem vor dieser Zeit ident. Diese Wandlung hat sich so allmählich über Jahrzehnte hin er- streckt und wird in ihrem vollen Ausmass erst erkennbar, wenn man Fakten einander gegen- überstellt. Schlussfolgerung Eine Langzeitökonomie ist ohne Berücksich- tigung ökologischer Aspekte nicht mehr reali- stisch und mit Sicherheit zum Scheitern verur- teilt.
        

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