Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
26
Erscheinungsjahr:
1989
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_26/14/
Seite 14 Liecht. Umweltbericht, Dezember 1989 Die Veränderung des Spannungsverhältnisses zwischen Natur und Kultur Der Mensch ist ein Bündel von Beziehungen. Im wesentlichen handelt es sich um drei Beziehungen: Die Beziehung zu seiner Umwelt — zu den Dingen um ihn. Die Beziehung zu seiner Mitwelt — zu den Menschen um ihn. Die Beziehung zu seiner Wertwelt — zu den Werten um ihn. Diese drei Beziehungen stehen in Wechselbeziehung zueinander. Wir können die eine Beziehung nicht ohne die anderen Wechselbeziehun- gen betrachten. Franz Bertel, Bludenz Lassen Sie mich beginnen mit der Umwelt. Umwelt ist das, was uns an Dingen umgibt. Umwelt ist zunächst unsere natürlich Um- welt: Der Bereich des Anorganischen und Organischen, des Vorhandenen und Gewach- senen, des ohne Dazutun des Menschen exi- stierenden und sich Entwickelnden. Natürli- che Umwelt also — Natür. Umwelt ist aber auch all das, was von Men- schen erzeugt, gemacht und hergestellt ist. Es ist unsere kulturelle, unsere zivilisatorische Umwelt in einem sehr weiten Sinn, etwas Künstliches also, das gemacht ist. In dem Wort «Kultur» ist «Kult» enthalten. Kult — das heisst ursprünglich «Pflege». Im Verlaufe der Zeit wurde es mehr und mehr verstanden als die äussere Art und Weise, wie man Gotthei- ten zu verehren pflegte, in welcher Form man die Opfer — Früchte des Feldes und Tiere der Herde — darzubringen pflegte. Bäuerliche Kultur Kult und Kulm-  hängen zusammen. Kultur: das ist ursprünglich etwas Bäuerliches. Es ist die Pflege des Ackerbodens, eine nahezu ge- heiligte Tätigkeit religiösen Charakters. Erst allmählich wurde der Begriff «Kultur» zum Inbegriff des von Menschen geschaffenen, des von ihm bearbeiteten, verfeinerten, ver- delten. Die Prozesse des Machens setzen ein im Übergang vom Sammler-/Jägerdasein 
zum Hirten-/Bauerndasein  im Neolithikum. Durch diese neolithische Revolution vor mehr als 7000 Jahren trat der Mensch ins geschichtliche Dasein ein, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Weltbevölkerung vermutlich 10-12 Millionen betrug. Allein diese Zahl lässt uns annehmen, dass das von Menschen geschaffene weder quantitativ noch qualitativ eine starke Bela- stung der natürlichen Gegebenheiten dar- stellte. Städte entstehen Das änderte sich jedoch — und ich gehe nun auf die westlichen Kulturen ein — als es auf- grund grossklimatischer Veränderungen im nordafrikanischen, 
vorderasiatischen und südeuropäischen Bereich zu ersten Bevölke- rungsballungen kam, die starke Eingriffe in den natürlichen Lebensraum machten. In den genannten Gebieten entstanden ein paar «kulturelle Brandherde», die sich rasch ausbreiteten. Es entstanden Städte mit all dem, was für Städte charakteristisch ist. Das ist: hohe 
 Bevölkerungsdichte, arbeitsteilige Produktion, technologische Entwicklung, Tausch- und bald Geldhandel, Besitz- und 
Kapitalansammlung, wirtschaftliche Abhän- gigkeitsverhältnisse von Menschen und deren Ausbeutung, machtpolitische Ausdehnungen, Kolonien und Imperien, kurz: zu einem ande- ren Verhältnis von Natur und Kultur. Kultur war nun nicht mehr die «Pflege des Acker- bodens», sondern mehr und mehr das, was an Veredeltem in den Städten produziert wurde, Produkte des Cives, des Bürgers — Zivili- sation. Natursehnsucht und Naturzerstörung Die Erinnerung an ein goldenes Zeitalter aber blieb wach. Es ist eigenartig, wie in den Städ- ten die Sehnsucht \nach einem einfachen bäu- erlichen Leben auf dem Lande aufkam mit einem noch ursprünglichen Verhältnis zwi- schen Natur und Kultur. Arkadien heisst die- ses Land bei den Griechen und in Rom ent- steht aus dem Schwärmen fürs Rustikale eine ganz spezielle literarische Form: bukolische Dichtung. Verständlich wird dies, wenn wir bedenken, dass etwa zur Zeit des Augustus eine Million Einwohner in Rom lebten auf einer Fläche, die etwa dem 1. Wiener Gemeindebezirk ent- spricht, in trostlosen Mietkasernen also. Die antiken Kulturen des Westens haben erst- mals das Verhältnis Natur:Kultur stark verän- dert. Die verkarsteten Gebiete Südeuropas sind uns heute noch beredte Zeugen dafür. Und der Niedergang dieser Kulturen ist nicht nur ein machtpolitisches Phänomen, sondern ebenso ein wirtschaftliches. Schon in der Spätantike kommt es zu einer rückläufigen Bevölkerungsbewegung zumindest im Mittel- meerraum, zu einem Zerfall der Städte. Rom, einstmals von einer Million Menschen be- wohnt: im 10. Jahrhundert noch 13000 Ein- wohner. Im frühen Mittelalter haben wir es vorwie- gend zu tun mit Dorfkulturen, mit Dörfern, aufgrund des Zusammenbruchs der Infra- strukturen isoliert, in ihrer Isoliertheit aber wirtschaftlich autonom, in nichtarbeitsteiligen Produktionsverfahren das Auslangen fin- dend. Kaum grössere Siedlungen mit mehr als 20 Tausend Einwohnern, die Menschen mehr aufs Jenseits ausgerichtet als aufs Diesseits, in hohem Masse spirituell in ihrer Werthaltung, das Materielle nur als diesseitige Erschei- nungsform des Geistigen betrachtend. Dem ist nicht so in Hispanien. Hier kommt es zu einer eigenartigen letzten Blüte arabischer Kultur. Arabische Kultur erobert Europa Granada, Salamanch sind grosse Städte; Cordoba die grösste Stadt des We- stens: um 1000 n. Chr. 113000 Wohnungen, 
600 Moscheen, 300 Bäder, 50 Hospitäler, 80 öffentliche Schulen, 17 Hochschulen, 20 Bi- bliotheken, 30000 Läden, Wasserzu- und -ab- leitungen, gepflasterte Strassen. Die Wissen- schaften blühen: Medizin und Pharmazie, Astronomie  und Mechanik und dies vor al- lem: Mathematik — arabische Ziffern, haus- hoch überlegen römischen Rechenkünsten. Die Wirtschaft blüht: arbeitsteilige Produk- tionsverfahren, raffinierte Technologie, Han- del und Austausch von Wissen und Waren. All dies gibt den Mauren eine unerhörte kul- turelle Überlegenheit, eine Grundlage, natür- liche Gegebenheiten zu verstehen und zu nut- zen, d.h. das Verhältnis zwischen Natur und Kultur zugunsten der letzteren zu verändern. Worin liegen nun die geistigen Wurzeln dieses Sachverhaltes, der die weitere- Entwicklung des Westens bis auf den heutigen Tag be- stimmte? 1. Exaktes naturwissenschaftliches Denken, das seinem Wesen nach analytisch ist und induktiv, d.h. Schlussfolgerungen vom Be- sonderen auf das Allgemeine .... 2. Rechnerisches Denken, das zielgerichtet folgernd ausgerichtet ist auf einen Zweck hin. 3. Spezialisierung, Rationalisierung und Mechanisierung der Produktionsprozesse und damit verbunden die Steigerung der Effek- tivität. Jüngere Historiker sehen in dieser Entwick- lung den Beginn der Moderne etwa im 12. Jahrhundert. Hier setzt ein Zivilisationspro- zess ein, der bis herauf in die unmittelbare Gegenwart gekennzeichnet ist dadurch, dass das von Menschen gemachte — also Kultur oder Zivilisation oder wie immer wir dies nennen wollen — das ohne das Zutun des Menschen existierende — die Natur — immer weiter zurückdrängt. Organische Strukturen des Lebendigen werden zerstört und ersetzt durch technologische Strukuren.
        

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