Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
26
Erscheinungsjahr:
1989
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_26/12/
Seite 12 Liecht. Umweltbericht, Dezember 1989 Das Alpenrheintal im Fadenkreuz des Nutzungsdruckes oder : U — wie Umwelt Zeichen der Zeit werden sprachlich umgesetzt, finden sich M der Alltagssprache wieder, werden zu Zeitzeichen: Umwelt und in Zusam- mensetzungen Umweltkunde, Umweltschutz, Umweltzerstörung, Umwelterziehung, Umweltbelastung, Umweltgift, Umweltpreis. Preis für eine preisgegebene Umwelt? Eyjolf Aistleitner, Feldkirch Da nun die Zeit Zeichen setzt, da sich der letzte Mandschurenkranich verabschiedet und das Breitmaul-Nashorn grusslos geht, sich der tropische Regenwald in Rauch auflöst, Alas- ka verölt und das Mittelmeer verödet, sollten wir heimatbezogen Werte ökologischer Toler- anzgrenzen beachten, Entwicklungen und Ist- zustände diskutieren; und handeln, jetzt! Ballungsgebiet und Raumanspruch, Überbevölkerung und Naherholung, Zersiedelung und Verkehrsbelastung, Lärmteppich und Ruhezonen, Energieansprüche und Kraftwerkspläne, Gewässerzerstörung und Kläranlagen, Grundwasserabsenkung und Trinkwasserpro- blematik, Ertragssteigerung und Klärschlammdüngung, Verbundstrom und Biotopverbund, Schwertlilienblau und Trockenlegung, Auwaldschlägerung und Auffichtung, Naturschutzgebiet und Kormoranabschuss, Sekundärbiotope und Autobahnen, Riedwiesen und Zubringer, Inversion und Atemluft – 
Lebensraum Rheintal Hauptsiedlungsraum und -wirtschaftsraum Vorarlbergs" sind die Talebenen und die an- grenzenden unteren Hanggebiete von Rhein- tal und Walgau. Hier leben heute 80 % der 330 000 Einwohner des Landes, von 1951-81 hat hier die Bevölkerung um ca. 70% zuge- nommen. Der Flächenverbrauch für Wohn- und Geschäftshäuser, für Industrieansiedlun- gen, für Grosskaufanlagen, für Freizeit- und Sporteinrichtungen stieg unaufhörlich; eine Zunahme der Gebäude um ca. 200 % macht das statistisch deutlich. Neue Haupt-, Neben und Stichstrassen, asphaltierte Feldwege und Sackgassen verbin- den diesen über das Land gegossenen Häuser- brei. Die Versiegelung des Bodens ging mit Verkehrsübungsflächen und Parkplätzen wei- ter; ein über den lokalen Bedarf hinausgehen- der Ausbau der Autobahnen beanspruchte wertvollsten Boden. Aus den dörflichen Strukturen wurden die landwirtschaftlichen Betriebe und ihre Pro- duktionsflächen verdrängt in die ehemalige freie Landschaft der höchstens extensiv be- wirtschafteten Streuewiesen und Riede (= Flachmoore!), wobei traditionelle Bewirt- schaftungsformen aufgegeben wurden. Im speziellen führte die Ausweitung des Silo- mais-Anbaues zu einer völligen Vernichtung dieser ursprünglichen Vegetationsverhältnis- ses und zu einer Zerstörung der Bodensym- biosen. Eine weit über die Besitzgrössen hinaus- gehende Zahl von Milch- und Masttieren der wenigen verbliebenen Landwirte führte durch die enormen Güllemengen zu einer Überdün- 
gung der Wiesen und zu einer Nitratbelastung des Grundwassers. Klärschlamm-Tonnenmengen ergossen sich   auf die landwirtschaftlichen Flächen und die Pfeifengraswiesen, gleichermassen alles be- lastend und beeinträchtigend, überdüngend und den Stoffkreislauf der Schwermetalle   schliessend. Man spritzte sie in die «Au»wäl- der und führt sie neuerdings in die Berggebie- te, in die Quellenregionen, Pflanzenschutz- gebiete und Wanderzonen (Gr.Walsertal, Buchboden, Juni 1989). Ist das noch Dumm- heit oder schon Skrupellosigkeit? Ehemals ausgedehnt waren die Feuchtgebiete mit dem endlosen Sibirischen Blau ihrer Schwertlilien im Juni und dem wogenden Goldbraun herbstlicher Schilfflächen. Die noch heute erfolgenden Trockenlegungen - selbst nach der Unterzeichnung des Ramsar- Abkommens durch Österreich – ist ein An-   achronismus; mit öffentlichen Geldern finan- ziert scheint Lebensraumzerstöfung selbst im Bruttonationalprodukt auf. Die in den 70er und 80er Jahren im Rheintal und Walgau errichteten Schutzgebiete (mit unterschiedlicher Zielsetzung) waren jedoch uneingeschränkt für landwirtschaftliche und forstliche Nutzung frei, sodass arealweise einer völligen Zerstörung durch Übernutzung keineswegs Einhalt geboten war. Endlich und viel zu spät, da die Verluste an Naturwerten bestürzend sind, wurden neue Richtlinien ausgearbeitet. An der landschaftlichen Nahtstelle von Al- penrhein und Bodensee erstreckt sich das-be- deutendste Vogelschutzgebiet Mitteleuropas geduldig auf dem Papier: Vogeljagd im Schutzgebiet, Klärschlamm im Schutzgebiet, Massentourismus im Schutzgebiet – damit die Anliegergemeinden ihre Gewerbesteuern auf- fetten können; Behörden sind macht- und willenlos, Naturschützer resignieren, der Brachvogel  weicht dem Nutzungsdruck. Äusserst negativ auf das lokale Bild der Land- schaft und die eingebundene tierische und pflanzliche Lebewelt wirkte sich die Vernich- tung bzw. Reduzierung der auwaldnahen Ge- hölzvegetation aus. Wider alle bessere ökolo- gische Vernunft und allen Einsprüchen zum Trotz bewirtschaftet die Agrargemeinschaft Altenstadt diese letzten artenreichen Laub- waldgesellschaften an der unteren III nach den Gesichtspunkten der Festmeter-Ideologie: bedrückende, standortfremde Fichtenäcker. Verarmung! Ausgedehnte Bereiche der für Vorarlberg so typischen Riedlandschaft gingen durch gross- flächige Ausbaggerungen der Schottervor- kommen verloren. 
Zu, diesem Raumverlust 
treten Schäden am Grundwasserkörper auf, da diese Baggerreserven mit Industrie- und Hausmüll aufgefüllt werden. Wortkosmetiker sprechen schlicht von Altlasten, Zeitbomben wären treffender. Durch die flussbaulichen Massnahmen an Rhein und 111 zu Beginn dieses Jahrhunderts - was zur Sicherung des Lebensraumes unbe- dingt notwendig war – und im besonderen Masse durch die starke Entnahme von Sedi- menten in den 60er und 70er Jahren aus die- sen Flussbetten 'kam es zu einer Eintiefung der Gerinne und zu einem Absinken der Grundwasserpegel. Sohlentiefungen sind durch Baggerungsverbot weitgehend gestoppt worden. Unkalkulierbare negative Verände- rungen des gesamten Wasserregimes der Rhein- und Ill-Landschaft sind durch bauliche Eingriffe zur Energiegewinnung in Form von Fluss-Staustufen zu erwarten; abgesehen von mikroklimatischen, edaphischen, von Vegeta- tions- und Faunenänderungen. Durch die ortographisch-geomorgraphischen Gegebenheiten des Alpenrheintales als que- rer Grabenbruch entstehen während der kal- ten Jahreszeit immer wieder Inversionslagen, wodurch es zu einer Stabilisierung der Luft- schichten kommt, mit einer Anreicherung von Schadstoffen in der Atemluft – letztlich eine Folge der Bevölkerungs-, Industrie- und Ver- kehrsentwicklung, wodurch sich der Kreis der Betrachtungen schliesst.   1) Gilt sinngemäss auch für das Fürstentum Liech- tenstein
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.