Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
25
Erscheinungsjahr:
1989
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_25/13/
Seite 14 Liecht. Umweltbericht, Juni 1989 Gesundheitliche Auswirkungen von Lärm Nur wenigen ist bewusst, dass der Lärm gesundheitsschädigende Wir- kung haben kann. Die Folgen übermässiger Lärmbelastung sind bei- spielsweise Konzentrationsstörungen, Anstieg des Blutdruckes oder die Ausschüttung von Stresshormonen. Schallpegel über 100 Dezibel kön- nen sogar eine direkte Schädigung des Hörorgans bewirken. Die Hörschwelle des Menschen liegt bei 0 dB(A). 40 db(A) werden in der Regel noch als «leise» empfunden, 70 dB(A) als «laut» und 100 dB(A) als «äusserst laut» (Hofmann 1987). Nach der Definition der Weltgesundheitsor- ganisation versteht man unter Gesundheit einen Zustand körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Da unter gewissen Umständen bereits ab 25 dB(A) Belästigun- gen auftreten können (Abb.), wären Schall- 
pegel bei strenger Auslegung der Definition bereits ab diesem Wert als gesundheitsgefähr- dend einzustufen. Im Falle der Lärmwirkung ist der Übergang vom Wohlbefinden zur Krankheit fliessend. Wiederholte Störungen und Belästigungen liegen im Vorfeld krank- hafter Zustände. «Sie können als Warnsignale gesehen werden, die den Menschen veranlas- sen sollen, sich der Lärmbelastung zu entzie- hen, um gesundheitsschädliche Wirkungen zu verhindern» (Eidg. Kommission 1979). 
Ein Betroffener mag den Lärm vergessen, sein Körper vergisst ihn nicht! Die am häufigsten ge- nannten Lärmwirkun- gen sind Kommunika- tionsstörungen, ge- folgt von Konzentra- tions- und Leistungs- beeinträchtigungen. Hinzu kommen Stö- rungen des Wohlbefin- dens, der Ruhe und Entspannung. Mit elektroencephalogra- phischen (EEG) und anderen Methoden kann gezeigt werden, dass bestimmte Stör- geräusche eine Verrin- gerung der Schlaftiefe bewirken, selbst wenn die untersuchte Person dabei nicht aufwacht. Als Sekundärreaktion werden Schliessen der Fenster, seltenere Nutzung von Garten, Terrasse und Balkon gefunden, sowie ver- mehrter Konsum von Schlaf- und Beruhi- gungsmitteln (Grie- fahn 1985). 
Komplexe Veränderungen im Gesamtorganismus Schwieriger zu erfassen, aber doch zu erwar- ten, sind nach Überschreiten einer bestimm- ten, individuell unterschiedlichen Schallinten- sität (etwa 50 Dezibel) Erregungen des vege- tativen und zentralen Nervensystems, die sich in Reaktionen wie Änderung der Herz- und Atemfrequenz, einer Abnahme der periphe- ren Durchblutung, der Hauttemperatur und des elektrischen Hautwiderstandes, in einer Veränderung des Hirnstrombildes sowie der Muskelaktivität, in einem Anstieg des Blut- drucks, einer Ausschüttung von Stresshormo- nen, andererseits in einer Verringerung der Magensaft- und Speichelproduktion oder auch einer Hemmung der Magenperistaltik äussern (Pschyrembel 1986, Griefahn 1985). Die Einwirkung von Schall bewirkt also keine isolierte und spezifische Reizantwort, sondern komplexe Veränderungen im Gesamtorganis- mus, wie sie auch durch andere Reize, ganz allgemein durch «Stress» hervorgerufen wer- den (Griefahn 1985). Der längere Aufenthalt in einer Diskothek mit Schallpegeln über 100 Dezibel kann zwei- fellos als eine solche Stressituation bezeichnet werden. Laut Klautke und Fischer (1982) kann das Ohr bereits nach einer halben Minu- te bei 105 dBA) geschädigt werden (Tab.). Allzu laute Musik grenzt damit an Körperver- letzung, der sich die Beteiligten allerdings freiwillig aussetzen. 
■ Das Gehör - Der verkümmernde Sinn 2 Millionen Nervenfasern sollen es sein, die den Informationsschub, der das Auge erreicht ans Gehirn zur Verarbeitung weiterleiten, während für das Ohr nur 20 000 derartiger Nervenfasern vorgesehen sind (Flindt 1985). Vielleicht sind wir deshalb so darauf erpicht, dass die Kaffeemaschine «gut aussieht», wäh- rend uns der Lärm, den sie macht, nicht wei- ter kümmert. Trotzdem: Mit dem Ohr kön- nen wir messen, mit dem Auge nicht: Die 
meisten von uns hören sofort, ob ein Ton in die Tonleiter «passt» oder ob die Oktave stimmt, der obere Ton also genau doppelt so schnell schwingt wie der untere. Bei der Beur- teilung von Farbtönen fehlt uns diese Sicher- heit. Wer sieht denn schon, dass ein grünes Blatt Licht um 800 Nanometer absorbiert und ein gelbgrünes solches um 400 Nanometer? «Es muss im Kontext der Evolution eine Be- deutung darin liegen, dass wir im Bereich des Akustischen über die Fähigkeit des «absolu- ten Gehörs» verfügen, während selbst visuell begabte Menschen unmöglich einen «absolu- 
ten Sehsinn» haben können» (Berendt 1985). Die zunehmende Abschwächung des akusti- schen Sinnes ist eine der merkwürdigsten Ver- fallserscheinungen des modernen Menschen. Gleichzeitig ist die Tendenz unverkennbar, den optischen Sinn überzubewerten. Daraus leitet sich auch die Tatsache ah, dass in zahl- reichen Veröffentlichungen zur Lärmproble- matik versucht wird, dem Leser «sichtbar» zu machen, was er an bestimmten Orten, unter bestimmten Umständen «hören» kann. Auch die vorliegende Arbeit hält sich an dieses Muster.
        

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