Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
22
Erscheinungsjahr:
1987
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_22/16/
Seite 16 
Rhy-Fäscht 1987 
Oktober 1987 Kunst am Strom Am 4. September 1987 wurde in Balgach die Ausstellung «Kunst am Strom» eröffnet, die zuvor anlässlich des zweiten Rhy-Fäschtes am Rhein zu sehen war. Margrit Krüger, Kantonsrätin und Präsidentin des Konsumentinnenforums der deutschen Schweiz, hielt eine eindrucks- volle Vernissagerede, die wir untenstehend abdrucken. «Meine Damen und Herren Sie sehen hier eine ganz aussergewöhnliche Ausstellung. Ich werde noch darauf zurück- kommen. Zum besseren Verständnis muss ich aber ein wenig ausholen. Wir alle, die wir an diesem Strom, dem Rhein aufgewachsen sind, sind in irgendeiner Weise Margrit Krüger von ihm geprägt. Seit Jahrhunderten lebt der Rheintaler mit ihm. Ist mit ihm verbunden, fast möcht ich sagen in einer Art Hassliebe. Doch es ist mehr als das: es ist Achtung, Ehrfurcht, ja Demut vor seiner alles bestimmenden Domi- nanz. Immer wieder hat der Mensch versucht, seine Kräfte mit ihm und an ihm zu messen. Ich habe viele ältere Leute erzählen gehört: Wie es war, in früheren Zeiten, wenn der Rhein kam. Wie es war, als man ihm Meter um Meter Land abrang, ihm Dämme baute. Un- verholen zwar schwang Stolz und Freude über das von Menschen Erreichte heraus. Aber im- mer spürbar war dabei ein Unterton von Re- spekt dem Wilden, dem Ungestümen, dem Strom gegenüber. Unausgesprochen, manch- mal auch ausgesprochen, klang stets die Frage mit: Was hat er als Nächstes im Sinn? Wo und wann wird er sich wieder über uns Menschlein, über unser Mühen und Plagen lustig machen? Und so sind wir aufgewachsen: Voller Stolz auf unsere Grossväter und Urgrossväter, voll Stolz aber auch auf unseren Strom, von dem nie jemand zu sagen wagte, er wäre besiegbar. Und in der Tat, er war es nie, er wird es nie sein. Er liess sich Dämme gefallen und hatte trotzdem die Grösse, uns mit seinem Lebense- lixier, dem Grundwasser in sagenhafter Menge und Qualität zu versorgen. Doch auch in sei- nem neuen, von Menschenhand gemachten Bett blieb er der, der er immer war: Der grösste Wildbach Europas auf dem langen Weg in die Unendlichkeit der Ozeane. Kein Kanal, son- dern ein Gewässer voller Leben, voll Ab- wechslung, voller Überraschungen. Haben Sie ihn schon einmal zu Beginn eines Gewitters erlebt, wenn Regen sich mit seinem dampfen- den Atem vermischt? Wenn am anderen Ufer alles zu schweben beginnt, schwerelos und un- wiklich wird? Haben Sie schon, auf einer Sandbank oder den Vorgrundsteinen liegend, seinen vielen Stimmen gelauscht: leise, zärtlich flüsternd im stillen Hinterwasser; dumpf, grol- lend, fordernd lockend dort, wo er gewaltig talwärts strebt? Haben Sie ihn schon erlebt im Winter: abgeklärt, milde in frostiger Schön- heit? Haben Sie schon zugeschaut, wie er an- schwillt bei einer Schneeschmelze, nach einem Gewitter, bei den kürzlichen Unwettern? Wenn er zeigt, wer er wirklich ist? Sind Sie in solchen Momenten schon schaudernd auf dem Damm oder einer Brücke gestanden und haben mit allen Fasern Ihres Seins gespürt, dass wir in diesem Tal für alle Zeiten fest mit ihm, dem Strom, verbunden sind? (...) 
Heiter und beschwingt, beschaulich nicht laut, liessen wir denn auch letztes Jahr das erste Rheinfest steigen. Und die Leute kamen in Scharen: zu Fuss, mit dem Velo oder dem Extrabüssli, um dem Rhein ihre Referenz zu erweisen. Jung und Alt fühlte sich angezogen, genoss die Atmosphäre. Niemand störte sich daran, dass der Fluss oft die verstärkerfreie Musik übertönte. Schliesslich war er ja Mittel- punkt. Wir mitbetroffen und eng mit seinem Schicksal verbunden. Und so wurde das Rhy-Fäscht auch dieses Jahr ganz selbstverständlich zum festen Programm- teil der VSR. Standen letzten Sommer die Bo- taniker, Zoologen, Fischer und Pontoniere mit ihren Aktionen im Mittelpunkt der menschli- chen Aktivitäten, war es heuer Die Kunst am Strom Auch dies flussübergreifend. Die Pontoniere ruderten, oder besser gesagt stakten die neugie- rigen, aufmerksamen, in grosser Zahl erschie- nenen Besucher von einem Flussufer zum an- dern Gemächlich, einzeln oder in Grüppchen, schritten sie die Reihe der Exponate auf beiden Ufern ab. Versunken, eifrig diskutierend, sich auseinandersetzend mit dem Thema und den von den Künstlern gegebenen Antworten auf die Herausforderung «Kunst — Rhein — Kul- tur». Ich habe mit verschiedenen Leuten ge- sprochen und glaube, niemand ging unbeein- druckt nach Hause. Kunst am Strom wollte kultureller Bezugs- punkt sein. Eigenständig wollte sie sein, die Open-air-Galerie. Autonom und nicht ein Ve- hikel für irgendwelche politischen Botschaften. (Als ob es Botschaften gäbe, die nicht in der einen oder anderen Form politisch sind! Doch das nur nebenbei). Alle waren sie eingeladen: Professionelle und Hobby-Künstler aus den Sparten bildende Kunst, Fotografie, Literatur. Die einzige Be- dingung war, sich mit dem Rhein auseinander- zusetzen. Wie, aus welchen Impulsen und Mo- tiven auch immer, war jedem freigestellt. Der Einladung war ein grosser Erfolg beschieden. 47 R'h'einsichten von ganz unterschiedlichen Kunstschaffenden trafen ein. Ihre Botschaften sind so facettenreich wie der Rhein und seine von ihm geprägte Landschaft. Eines jedoch ist 
i hnen  gemeinsam: Alle sind sie Betroffen Betroffene, die sich mit den Mitteln ausdrük- ken, die ihnen zur Verfügung stehen. Ein The- ma und so verschiedene künstlerische Variatio- nen! Wahrlich, der Rhein ist wiklich ein gran- dioser Inspirator. Ich bedaure Sie, meine Damen und Herren, fast ein bisschen, dass Sie die Kunstwerke nicht vor der imposanten Kulisse unseres Stromes sehen können. Doch auch in diesem Raum kommt die Vielfalt der gestalterischen Mög- lichkeiten zur Geltung. Man spürt, dass sich jeder einzelne mit dem Rhein als Thematik 
auseinandergesetzt hat. Genau wie die Bevöl- kerung beidseits des Rheins ist jeder der Aus- stellenden konfrontiert mit dem, was im und am Rhein passiert. Der eine mehr, der andere weniger. Den einen war es ein Bedürfnis, den Strom von seiner schönsten Seite mit all seinem Erlebniswert darzustellen. Andere geben ihre Visionen preis. Mahnen mit schwarzen Flügel- schlägen, locken mit flüchtigen weissen Segeln. Allgegenwärtig der verheissungsvolle Duft der sagenumwobenen blauen Blume, die im Ver- borgenen darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Symbolträchtig bei allen aber steht der Strom im Mittelpunkt, trennend, verbinden, gebend, nehmend, duldend, erduldend, oder kraftvoll fordernd. Und schliesslich überwog auch am diesjähri- gen Rhy-Fäscht das völkerverbindende. Schweizer, Liechtensteiner, Österreicher gaben sich ein Stelldichein. Als Kunstschaffende und als Betrachter. Das Rhy-Fäscht wurde dieses Jahr durch die Auseinandersetzung mit den Kunstwerken, mit verschiedenen Auffassun- gen, durch Gespräche zwischen mehr oder we- niger Betroffenen, zum besonderen kulturellen Erlebnis. Es ist eben nicht ein Kunstwerk für sich schon Kultur. Auch eine ganze Ansamm- lung von Kunstwerken nicht. Nach meinem Verständnis wird ein Kunstwerk erst dann zum Kulturobjekt, wenn es sich mit dem gesell- schaftlichen Umfeld, mit dem Zustand unserer Mitwelt, mit den Ängsten und Nöten, aber auch mit den kleinen und grossen Träumen der Zeit auseinandersetzt. Kunst passiv als exklusi- ven Rahmen eines versnobten Individuums oder als Geldanlage hat in meinem Verständnis mit Kultur wenig zu tun. Hier, in diesem Raum, scheinen Kunstwerke etwas Eigenständiges zu sein. Es gilt deshalb, eine Beziehung zu schaffen, Brücken zu schla- gen zum Thema. Ich bin überzeugt, es wird Ihnen gelingen, wenn Sie nur wollen. An den Ufern des Rheins waren sie gottseidank nicht losgelöst von den übrigen Aktivitäten des Rhy-Fäschtes. Sie waren da, ganz selbstver- ständlich miteinbezogen. Nicht als Kultur schlechthin, sondern als Ausdruck der Kultur, die an jenem Sonntag allgegenwärtig war, und die unser Leben tagtäglich umgibt und formt. Wie berits zu Beginn gesagt: Dies hier ist eine ganz aussergwöhnliche Ausstellung. Sie rückt nicht Künstler oder Stilrichtungen in den Vor- dergrund, sondern ein Motiv, den Rhein. Eine Aufgabe — viele Antworten. Und weil es dem Künstler vorbehalten ist, der Zeit vorauszuse- hen und diese Vor-Aussicht zu visualisieren, ist es nicht immer einfach, die Antworten zu ak- zeptieren. Dies sollte Sie aber nicht hindern, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es lohnt sich, denn jedes Objekt zeugt von einem inten- siven Zwiegespräch zwischen Künder und Mo- tiv. Mischen Sie sich ein in dieses Gespräch. Aber bitte tun Sie es mit dem Rauschen des Stromes in den Ohren, mit seiner Geschichte und den Bildern unseres Tales im Herzen. Sollten Sie dabei das weisse Segel irgenwo sichten, geben Sie ihm Ihre Wünsche mit. Soll- ten Sie der blauen Blume begegnen, legen Sie sich getrost in den Schatten ihrer Blüte. Jetzt habe ich die 47 R'h'einsichten doch als Botschaft  interpretiert. Als Vehikel für Ihre ganz persönliche Ein- und Aussichten, meine Damen und Herren, sind sie doch sehr wohl gedacht. Wir, die Optimisten von der VSR wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit mit der «Kunst am Strom» und viele neue R'h'einsichten. «
        

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