Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
22
Erscheinungsjahr:
1987
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_22/13/
Liechtensteiner Umweltbericht CIPRA Seite 13 CIPRA fordert Grosse Koalition Eine Grosse Koalition zwischen Berglandwirtschaft und Natur- und Heimatschutz im Alpenraum forderte die CIPRA in einer Deklaration anlässlich der Jahresfachtagung vom 8. - 10. Oktober 1987 in Brixen (Südtirol). Rund 200 Teilnehmer fanden sich zur Jahres- fachtagung der CIPRA in Brixen ein, um über «Bodenschutz und Berglandwirtschaft — Her- ausforderung für eine gemeinsame Umwelt- und Agrarpolitik zur Erhaltung der alpinen Kulturlandschaft» zu diskutieren. Als Refe- renten wirkten der bayrische Staatssekretär Alois Glück, Walter Dietl von der eidg. For- schungsanstalt für landwirtschaftlichen Pflan- zenbau, Zürich-Reckenholz, Luis Oberwal- der , Präsident des Österr. Alpenvereins, Ge- org Grabherr vom Institut für Pflanzenphysio- logie in Wien, Universitätsdozent Georg Husz aus Wien, sowie Robert Mondot vom Institut National d'Etudes Rurales Montagnardes, Grenoble. Traditionsgemäss werden die Ta- gungsunterlagen dem interessierten Publikum zugänglich gemacht, indem ein Tagungsband herausgegeben wird. Nachstehend veröffentlichen wir den Wort- laut der Deklaration von Brixen: CIPRA fordert Grosse Koalition zwischen Berglandwirtschaft und Natur- und Heimatschutz im Alpenraum «Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA hat anlässlich ihrer Jahresfachtagung vom 8. — 10. Oktober 1987 in Brixen (Südti- rol) das Thema »Bodenschutz und Bergland- wirtschaft — Herausforderung für eine ge- meinsame Umwelt- und Agrarpolitik zur Er- haltung der alpinen Kulturlandschaft« behan- delt. Die Delegierten aus den sieben Alpen- staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Ju- goslawien, Liechtenstein, Österreich und der Schweiz sind äusserst besorgt über die Folgen der Krise der europäischen Landwirtschaft für den Alpenraum. Den zunehmenden Verlu- sten an unwiederbringlichen Natur- und Kul- turgütern muss unverzüglich Einhalt geboten werden, damit der Alpenraum seine natürli- chen Lebensgrundlagen und seine kulturelle Identität für künftige Generationen erhält. Die CIPRA ruft deshalb die Agrar- und Um- weltpolitiker aller Entscheidungsebenen zu einer Grossen Koalition zwischen Bergland- wirtschaft und Natur- und Heimatschutz im Alpenraum auf. Diese Grosse Koaltion soll einen Schlussstrich unter die seit Jahrzehnten zwischen Umwelt- und Agrarpolitik geführten Nutzüngskonflikte ziehen und eine auf Dauer angelegte gleichberechtigte Partnerschaft zum Nutzen der Bergbauern und der Gesamtge- sellschaft besiegeln. Die Unwetterkatastrophen dieses Sommers erfordern zudem ein rasches Handeln. Schneller als erwartet sieht sich die CIPRA in ihren seit vielen Jahren vorgebrachten War- nungen vor den Folgen menschlicher Eingrif- fe in die Ökosysteme der Alpen bestätigt. Die Delegierten haben deshalb einstimmig den Be- schluss des deutschen CIPRA-Komitees «10 Gebote der CIPRA zur Sicherung und Um- weltvorsorge im Alpenraum» gebilligt und als Anhang zu dieser Deklaration beschlossen. 
Der Alpenraum kann und darf sich dem tech- nischen Fortschritt nicht verschliesssen. Als Lebensraum für mehr als sieben Millionen Menschen müssen auch in den Alpen ange- messene Lebensbedingungen in einer gesun- den Umwelt möglich sein. Wegen der im Ver- gleich zu den Flachländern im Alpenraum sehr viel heftigeren Folgewirkungen («Kata- strophen) menschlicher Eingriffe in die hier besonders sensiblen Ökosysteme ist es erfor- derlich, eine effiziente und im Einzelfall auch restriktive Sicherungs- und Umweltvorsorge- politik zu praktizieren. Die Zukunft des Al- penraumes liegt nach Auffassung der CIPRA in einer Entkoppelung von technisch-wissen- schaftlichem Fortschritt und den von diesem Fortschritt ausgehenden Umweltbelastungen. Nur ein klarer Vorrang der Vorsorgepolitik vor dem Schadesnreparaturmanagement wird verhindern können, dass aus vielen örtlichen «Naturkatastrophen» eine alpenweite «Kul- turkatastrophe» erwächst. Das bedeutet, dass der Schutz des Bodens und die Förderung der Landwirtschaft im Al- penraum keinen Gegensatz, sondern eine un- trennbare ‚Einheit bilden müssen. Ohne Bo- denschutz auf Dauer keine Berglandwirt- schaft, ohne Berglandwirtschaft keine Kultur- landschaft und vor allem keine alpenländische Kultur, damit auch keine tragfähige Grundla- ge für den 
Tourismus. Die CIPRA regt deshalb eine Grosse Koali- tion zwischen Berglandwirtschaft und Natur- und Heimatschutz an, für die am Modell des 
Alpenraumes sofort Erfahrungen gesammelt werden sollen. Etwa die Hälfte des angemes- senen bergbäuerlichen Vergleichseinkom- mens muss nach Auffassung der CIPRA durch ein Entgelt für Leistungen erzielt wer- den, die derzeit über die Marktpreise nicht abgegolten werden. Die CIPRA fordert des- halb für die Bergbauern im Alpenraum ein — Entgelt für die Grundsicherung der berg- bäuerlichen Betriebe, unabhängig von Art und Menge der landwirtschaftlichen Pro- duktion — Entgelt für die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen durch umweltverträgli- che Bewirtschaftung, z.B. durch Verzicht auf den Einsatz chemischer Stoffe — Entgelt für Sonderleistungen der Bergland- wirtschaft zu Gunsten von Landschaftspfle- ge, Naturschutz und Sicherung des Berg- waldes, z. B. für die Pflege schutzwürdiger Biotope und Aufforstungen — Entgelt für Einschränkungen der Bergland- wirtschaft in Schutzgebieten, z. B. in Gebie- ten, die für ein alpenweites repräsentatives Schutzflächennetz benötigt werden. In der Verwirklichung dieser Elemente einer gemeinsamen Agrarund Umweltpolitik für den Alpenraum sieht die CIPRA eine Her- ausforderung für die Glaubwürdigkeit von Politikern und Verwaltungsbeamten auf allen Entscheidungsebenen (EG, Nationalstaaten, Landesregierungen, Gemeinden), sowohl die Landwirtschaft als auch die natürlichen Le- bensgrundlagen auf Dauer zu sichern.« Tagung 1988 in Liechtenstein Der Delegiertenrat der CIPRA hat beschlos- sen, die Tagung 1988 in Liechtenstein auszu- richten. Die LGU als nationale Trägerin der CIPRA wird für die Durchführung der. Ta- gung verantwortlich sein. Tagungsthema 1988 wird eine «Konvention zur Sicherheit im Al- penraum» sein, welche ein langfristiges Vor- haben der CIPRA darstellt. Communique der Int. Alpenschutzkommission (CIPRA) In den französischen Alpen 22 Tote durch Überschwemmung eines Campingplatzes, in den italienischen Alpen 30 Tote durch Vermurung einer Almwiese, die ein Appartement- haus und ein Hotel zum Einsturz brachte und daneben der Fall Veltlin, im Schweizer Kanton Tessin eine durch Wildwasser zerstörte Brücke, die den Bahnverkehr über den Gotthard blockierte und danach das Urner Reusstal. Die Ursachen für diese Unglücke wird man sorgfältig untersuchen müssen. Die Interna- tionale Alpenschutzkommission CIPRA nimmt die Unglücksserie zum Anlass, erneut auf die wechselseitigen Abhängigkeiten von menschlichen Eingriffen in die ökologisch emp- findliche Hochgebirgsnatur und den Reaktionen der Gebirgsökosysteme hinzuweisen. Die Zusammenhänge zwischen Starkregen, Muren, Steinschlag und Wildbachkatastro- phen einerseits, nachlassende Schutzfunktionen des kranken Bergwaldes, zu intensiver Alm- und Berglandwirtschaft, Waldrodungen zu Gunsten von Skipisten, Bergbahnen, Verkehrs- und Siedlungsflächen, «hartem» Wasserbau, den mancherorts viel zu hohen Hirsch-, Reh- und Gamswildbeständen, der Asphaltierung der Bergwelt durch Autobah- nen, Strassen, Parkplätze und Zweitwohnungen sowie dem Bau von Alm- und Forstwe- gen andererseits, sind wissenschaftlich belegt und seit langem der Öffentlichkeit bekannt. Wenn auch der Einfluss der einzelnen Faktoren im Einzelfall schwierig zu bemessen ist, spielen diese vielen Einwirkungen bei einer Naturkatastrophe auf unterschiedlichste Art zusammen. Neben der zunehmenden Verdichtung und Versiegelung der Böden trägt auch der kronenverlichtete kranke Alpenwald durch reduziertes Wasser-Rückhaltevermögen zu Oberflächenerosionen und Hangrutschungen bei. Folgen sind grössere Abflussspitzen und Feststofftransporte. Diese ungünstigen Einflüsse werden weiter zunehmen und zeigen zunehmend die Grenze von Schutzbauten auf. Aus den Schadensereignissen sind deshalb die nötigen Schlüsse auf allen Einwirkungsebe- nen zu ziehen. Diese «Naturkatastrophen» sind somit zumindest teilweise hausgemacht und demgemäss als «Kulturkatastrophen» zu bezeichnen.
        

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