Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1985
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_18/8/
Seite 8 Oktober 1985 Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. Kant, kategorischer Imperativ 
gekehrt. Die Krise der Innenwelt hat die Kri se in unserer Umwelt hervorgerufen. Umweltschutz in der Sackgasse Suche nach Auswegen Die Erneuerungswahlen in den Vorstand der LGU stehen bevor. Erneuerung bedeutet auch Nachdenken über Vergangenes, Zukünf- tiges. Als eines der beiden dienstältesten Vor- standsmitglieder will ich versuchen, Bilanz zu ziehen über unseren Umweltschutz, den Um- weltschutz überhaupt. Sie wird nicht so rosig ausfallen wie die meisten heurigen Bilanzen der Privatwirtschaft. Ich will den Gründen nachgehen, warum wir im Umweltschutz nicht so weit gekommen sind, wie wir uns das ausgedacht hatten. Letztlich zeige ich Gedan- ken auf, wie der Umweltschutz aus der Sack- gasse geführt werden könnte. Kurzbiographie der LGU 1970 ist das Geburtsjahr des Umweltschutzes in Liechtenstein. Die damaligen naturverbun- denen Organisationen des Landes bildeten ein Komitee, das u. a. auch eine Naturschutz- ausstellung organisierte. Das Wesentliche aber war die Konzentration der treibenden Kräfte im Lande, die mit dem Naturschutz ernst machen wollten. 1972 gelangte die Schweizerische Gesellschaft für Umweltschutz an Herrn Dr. Gerard Batli- ner, alt Regierungschef, und schlug die Grün- dung einer solchen Gesellschaft in Liechten- stein vor. Er lud führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft zu Gesprächen ein, nachdem er sich der Mitarbeit von geeigneten Kräften versichert hatte. Die Vorgespräche ergaben den Willen, die Liechtensteinische Gesellschaft für Umwelt- schutz zu gründen; aber auch, sie durch geeig- nete Besetzung des Präsidiums aus der Tages- politik herauszuhalten. Die LGU solle eine unabhängige Organisation werden, die sich mit den Umweltschäden sachlich, aber unum- wunden beschäftigte. Die LGU solle aber auch in enger Beziehung zur Regierung ste- hen und diese in Umweltfragen unterstützen. Insbesondere solle das Gespräch mit der Re- gierung gepflegt werden. Der Stil der LGU war gegeben: sachlich, fachlich ausgewiesen, bestimmt, aber verhältnismässig. Getragen von einer Sympathiewelle, die noch nie bei einer Vereinsgründung dagewesen war, wurde die LGU gegründet. Zwar traten die meisten Teilnehmer aus den Vorgesprä- chen in den Hintergrund, doch der Wille der Gründer wurde in die Tat umgesetzt. Vor allem war man überzeugt, die Umweltproble- me in unseren überschaubaren Verhältnissen einigermassen in den Griff zu bekommen: zu Beginn der LGU herrschte eitel Freude, et- was Gründliches für unsere Umwelt geleistet zu haben. Vom Dampf zum Dämpfer Der Zug dampfte in die neue Richtung. Er geriet in Fahrt. Aus dem Dampf aber wurden Dämpfer. Nach einigen Jahren Fahrt waren 
wir ernüchtert und machten die Erfahrung, die in der Existenzphilosophie dargestellt wird: Der Mensch erkennt, doch er verhält sich nicht danach. Erst der Leidensdruck schafft aus Erkenntnis neues Verhalten. In unsere Umweltgeschichte umgesetzt, heisst dies: jeder ist für den Umweltschutz, ausser im eigenen Fall. Ein Stoss von Leidensdruck kam erstmals mit dem Waldsterben. Aber er ist (noch) zu klein. Noch ist keiner bereit, weniger auf das Gaspe- dal zu treten. Das Auto ist uns zu lieb, als dass wir verzichten. Der Begriff des Opfers ist in unserer modernen Gesellschaft ohnehin äus- serst rar. Rote Listen ausgestorbener und ge- fährdeter Arten, Zersiedelung, Wasserabsen- kung, Kehrichtberge: das alles ist bedenklich, doch was geht mich das an? Wir konsumieren Umwelt drauflos auf Kosten kommender Ge- nerationen. Aus den ökologischen Muhezzins von einst ist manch ein nachdenklicher Umweltmarabut geworden. Sie verkünden nun: Ich gehöre zu denen, die so denken, und die sich fragen, was wir tun müssen, um den heutigen Menschen aus träger Konsumlethar- gie zu ganzheitlichem, naturgerechtem, krea- tivem Verhalten zu wecken, wachzurütteln. Nach 15 Jahren Bemühens sehe ich den Um- weltschutz nicht nur in Liechtenstein in einer Sackgasse. Er kommt so nicht weiter, weil er auf diese Weise Umdenken nicht bewirken kann. Der Mensch ist weitaus träger, als wir uns dies vorgestellt haben. Leidensdruck än- dert Verhalten, wie wir festgestellt haben. Nur Leidensdruck? Rüttelt uns erst eine Kul- tur- und Naturwüste wach? Über unseren Zeitgeist Wir leben in einer Zeit des überzogenen Ma- terialismus. Gott ist auch bei uns nicht mehr der Gott des Papstes: unser Gott ist der Weg- werfartikel Konsum. Die Wirtschaft domi- niert unseren Zeitgeist. Für unseren Wohl- stand haben wir eine kränkelnde Gesellschaft eingehandelt. Manches erinnert an den Zu- stand historischer Völker vor ihrem Nieder- gang: junge, unverbrauchte Scharen — denen sie Barbaren sagten —, weniger träge und nicht so wohlgenährt, überfuhren die orientierungs- los gewordenen Verwöhnungsopfer und form- ten Kultur um. Der Niedergang Europas in diesem Jahrhun- dert deutet in diese Richtung. Toynbee schreibt, die bisher bekannten 23 Weltkulturen hätten sich nur so lange am Leben erhalten, als die Menschen willens und fähig waren, ihre existentiellen Probleme zu lösen. Das sollte uns zu denken geben. Wir stecken tief in einer äusseren, aber noch stärker in einer inneren Umweltverschmut- zung. Für meine Begriffe ist die innere Ver- schmutzung Ursache der äusseren, nicht um- 
Solange wir unbesehen jede neue Konsumma- nie — zumeist aus den USA — als Manna unserer Erfüllung hinunterwürgen, fahren wir wirklich in die falsche Richtung, wenn auch erster Klasse. Es ist erschreckend, wie in der westlichen Wohlstandsgesellschaft die mei- sten Menschen hörig, träge, angstbeladen, einsam, ichbezogen, lieblos, depressiv, natur- fremd, ja lebensfeindlich geworden sind. Dies spielt sich tief unter der Oberfläche ab. Es gibt heute unbemerkt mehr zwanzigjährige Greise als achtzigjährige. Unter dem Schlagwort der Selbstverwirkli- chung und der Meinunsvielfalt verbirgt sich der ichbezogene, lustbetonte moderne Mensch. (Lust und Freude sind zwei verschie- dene Dinge.) Man sagt Freiheit und meint Zügellosigkeit. Selbstverwirklichung hat aber mit Selbstbewusstsein (nicht mit Selbstsicher- heit) zu tun: selbstbewusst seinen Weg su- chen, ihn gehen, an sich arbeiten; aber mit den andern, wo immer es möglich ist. So wird aus Lust Freude. Es ist hier angebracht, den Unterschied zwischen Selbstbewusstsein — das zur Selbst- verwirklichung hin führt — und Selbstsicher- heit — die den Menschen verkrustet — aufzu- zeigen. Selbstbewusstsein ist geistige Vertie- fung, Einsicht, Menschlichkeit, Weisheit, Selbstfindung, offenes Denken in einem; ihr Merkmal ist Kreativität und menschliche Wärme. Selbstsicherheit ist geschlossenen Persönlich- keiten eigen. Sie haben immer recht. Mit dem Anspruch ihrer Macht, ihrer Stellung, ihrer Gewalttätigkeit sind geschlossene Denker Pächter der gesamten Weisheit dieser Welt. Kraft ihrer unfehlbaren Persönlichkeit wollen sie ihre Ansicht stets anderen aufzwingen. In ihrem Innersten aber sind sie unsicher, ge- spalten: sie verbergen sich hinter einer Mas- ke, unfähig zu leben, wie sie wirklich sind (nämlich Menschen, die fehlen, und Men- schen, die erwärmt sein möchten). Sie sind Habemenschen, die nach einem Programm die Welt zu erobern gedenken. Sie leben zwanghaft nach ihrem Programm, zu starr, sich der Dynamik des Lebens anzupassen. Das führt sie in die Sackgasse, sie verkrusten; sie sind im Teufelskreis, der sie in eine hoff- nungslose Kluft zwischen Sein und Schein führt. Sie sind Negativisten, Geister, die stets verneinen, über alles schimpfen, und denen nichts passt ausser dem, was sie aus ihrer Maske heraus der Welt eröffnen. Erst der Alterszerfall rettet sie aus ihrer psychisch- geistig-körperlichen Erstarrung: am Leben aber sind sie vorbeigegangen, sie sind geschei- tert. Die tragenden Ideen Die tragenden Ideen sind fortzeugende ge- meinsame Einsichten, die den Rahmen des Zeitgeistes ausprägen. Sie werden von den oben beschriebenen mutigen Ausbrechern in die Welt gebracht, von kreativen Menschen, die ihre Hörigkeit dem einlullenden Wohl- standsdenken gegenüber abgelegt haben, die Verantwortung nicht dauernd dem Staat über- binden, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Die — für meine Begriffe — bedeu- tendste je auf die Welt gebrachte tragende
        

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