Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1985
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_18/4/
Seite 4 
Oktober 1985 nun im Gegensatz zu früher die Behörden mit Freuden. Wie kann so etwas entstehen? Das Phänomen ist immer noch schwer zu deuten. Einige Fak- toren sollen jedoch angedeutet werden: Die Integration der Frauen ins politische Le- ben löste verschiedene festgefahrene Struktu- ren auf. Das männliche Ver- bzw. Festhalten wurde mit dem Flexibleren, nicht mit Sach- 
zwängen befrachteten, Verhalten der Frauen konfrontiert. So z.B. wurden die früheren vorprogrammierten Parteiveranstaltungen bei den Ökologen durch auf den ersten Blick vielleicht chaotisch-emotionale Gemeindever- sammlungen ersetzt, in welchen zwar langsam dafür aber demokratische Entscheidungen entwickelt werden. Die ökologische Bewe- gung kann man mit einer Art Rauschzustand 
vergleichen. Je radikalere Massnahmen die Regierung ergriff, je begeisterter machte die Bevölkerung, die das ewige Taktieren der,   früheren Regierungen satt hatte, mit. Die Begeisterung für das neue Leben mit mehr Harmonie mit der Natur kannte und kennt fast keine Grenzen. Hansjörg Hilti Erziehung zu naturgerechtem Verhalten als langfristig wirksamste Umweltschutzmassnahme Die Anzeichen der Umweltbelastung und Naturzerstörung machen sich schon heute auf verschiedene Weise bemerkbar: Schädigende Wirkung der Abgase, Säureregen, Waldster- ben, tausende toter Seen in Skandinavien, Gewässerverschmutzung durch Phosphate, Nitrate und andere Schadstoffe, Verlust der Bodenfruchtbarkeit, Pestizidrückstände und Schwermetalle in den Nahrungsmitteln, zu- nehmendes Aussterben resp. Bedrohung vie-   ler Pflanzen- und Tierarten, Erdölkatastro- phen auf dem Meer usw. Diese Liste könnte man noch beliebig erweitern. Und die Situa- tion verschlimmert sich zunehmend: Die Schadstoffe in der Umwelt nehmen dauernd zu, sammeln sich än, verteilen sich immer weiter, verstärken sich oft gegenseitig in ihrer schädlichen Wirkung und wandeln sich zum Teil in neue Stoffe von unbekannter Giftigkeit um. Das ist aber leider noch nicht alles. Unter dem Eindruck dieser aktuellen, heute schon bestehenden Probleme geraten einige poten- tielle Gefahren von globalem Ausmass in Ver- gessenheit. Sie lauern aber, und können - früher oder später — eintreten. Wir steuern jedenfalls auf das hin. Ich denke dabei an den «Treibhauseffekt» und seine verheerenden Folgen (sehr starke Klimaveränderung, Über- flutung der Küstenstädte), an den Abbau der lebensschützenden Ozonschicht in der Strato- sphäre (als Folgen vermutet man Verbren- nungen der Haut, vermehrte Krebserkran- kungen, Augenerkrankungen beim Menschen und bei Tieren, sowie verschiedene Störungen bei Pflanzen). Auch die Gefahr der radioakti- ven Strahlung, verursacht durch die Lagerung radioaktiver Abfälle zähle ich dazu. Diese sollen einige tausend Jahre geordnet gelagert werden, damit sie ihre heimtückische, schädli- che Wirkung verlieren. Eine Illusion, wenn man bedenkt, was für eine Zeitspanne das ist und wie weit wir über das Leben vor nur zweitausend Jahren — und über die «Deponie- n» der damaligen Menschen orientiert sind. Es ist anzunehmen, dass die Umweltbelastung noch weitere solche potentielle globale Ge- fahren in sich birgt, von denen wir heute noch gar nichts ahnen, die aber, einmal eingetrof- fen, kaum noch zu beheben sein werden. Ob man dieses als Schwarzmalerei bezeichnet oder nicht — es sind unangenehme Sachen und werden deshalb gerne verharmlost oder ganz verdrängt. Ein Nachdenken darüber jagt einem Angst und Verzweiflung ein. Sicher hat niemand so etwas gewollt. Und doch sind wir Menschen die Verursacher. 
Warum ist es so weit gekommen? Es scheint, dass sich der Mensch der Bedeutung des Schutzes seiner Lebensgrundlage — der Natur — zu wenig bewusst ist. Offensichtlich ist ihm auch der Sinn dafür verloren gegangen. Die Natur war für ihn einfach immer da, als etwas Selbstverständliches. Und was selbstverständ- lich ist, das nimmt man erst dann zur Kennt- nis, wenn es eben nicht mehr da ist. In den letzten Jahren haben die Menschen angefan- gen die Belastung der Natur und ihre Grenzen wahrzunehmen. Es wurde auch versucht für ihren Schutz etwas zu tun. Bei vielen dieser Bemühungen handelt es sich in den meisten Fällen um kleinere Reparaturen . an einem Ort, die anderswo wieder neue Belastungen verursachen. Zum Beispiel das «Sauerstoff- pumpen» in kranke Seen, die Phosphatbesei- tigung in Kläranlagen oder der Phosphater- satz in den Waschmitteln durch andere Stoffe, vor allem durch NTA (Nitrilo-triacetat). Sol- che «Reparatureingriffe» sind immer mit einem Energie- und Materialverbrauch ver- bunden — und das bedeutet wieder eine neue Umweltbelastung, am Ort der Herstellung und am Ort des Gebrauches. Oder es werden neue Stoffe mit noch unbekannten Eigen- schaften und Auswirkungen in die Umwelt gesetzt, wie im Falle des Phosphatersatzes durch NTA. Solcher Umweltschutz ist eine «Bekämpfung von Symptomen, statt Ursa- chen». Für einen erfolgreichen Umweltschutz ist es notwendig dort anzusetzen, wo die Ursachen sind. Das heisst beim Menschen und seinen Verhaltensweisen. Um zu überleben, muss sich der heutige Mensch vermehrt darum be- mühen, sich in die Natur und ihre Kreisläufe wieder einzugliedern: Von der Natur lernen - mit der Natur leben. Das wäre auch das natur- gerechte — «natürliche» — Mittel. Der Mensch muss sich der Natur anpassen. Umgekehrt geht es nicht; das zeigt uns die heutige Erfah- rung. Dauernde, der aktuellen Situation angepasste Verhaltensänderungen und Umstellungen sind notwendige Voraussetzungen für das Überleben. Davon kann sich jeder in der Natur und ihren lebenden Systemen selbst überzeugen: Was sich nicht verändern und anpassen kann, ist zum Tode verurteilt. Den Erwachsenen fallen Umstellungen - nicht nur zum naturgerechten Verhalten - recht schwer. Die Angewohnheiten des All- tags sitzen fest. Alles Neue ist auch mit einer Verunsicherung verbunden, die erst überwun- den werden muss. Es fehlt auch an angepass- 
ten Strukturen, die solche Verhaltensände- rung erleichtern würden. Diese entstehen aber wieder erst dann, wenn nach ihnen ver- langt wird, z. B. gut organisierte Kompostier- anlagen für Garten- und Küchenabfälle, Sam- melstellen zur Wiederverwertung von Altma- terial, bessere Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln usw. Wichtig ist dabei ir- gendwo richtig zu beginnen. Unsere Umwelt ist vernetzt — alles hängt mit allem zusammen — es spielt also keine entscheidende Rolle wo man beginnt. Die Bewusstseins- und Verhal- tensänderung fängt mit kleinen Sachen an. Dazu kommt noch, dass sich auch kleinere Beiträge zum .Umweltschutz summieren und mit der Zeit doch ganz grosse Auswirkungen haben. Den Kindern dürfte dieses naturgemässe Ver- halten weniger schwerfallen. Sie sind in den Gewohnheiten des Alltags nicht so stark ver- haftet. Als nächste Generation werden sie mit noch schwierigeren Problemen konfrontiert werden. Ihre Bewältigung wird nicht mehr durch einzelne Fachleute machbar sein. Eine intensive Zusammenarbeit verschiedener wis- senschaftlicher Richtungen wird notwendig sein, um diese Probleme noch in den Griff zu bekommen. Das setzt eine gute Zusammenar- beit und ein vernetztes Bewusstsein unserer Welt voraus. Dafür müssen die Kinder von heute und Erwachsene von morgen gut vorbe- reitet werden. Sie müssen aber primär eine positive Beziehung zur Natur haben, die Be- deutung der Natur spüren und sich der Ver- antwortung des Menschen ihr gegenüber be- wusst sein, um daraus naturgerecht zu han- deln. Die beste Möglichkeit dazu bietet sich in der Schule an. Dort können alle Kinder erreicht werden. Eine solche «Umwelterziehung» in der Schule soll aber nicht zu einem neuen Spezialfach werden. Auch darf sie nicht in einer Angstmacherei mit Umweltproblemen bestehen. Sie soll vielmehr eine vermehrte Förderung von naturgerechten Verhaltens- weisen sein, die durch alle Schulfächer und Schulstufen geht und als Ziel eine verantwor- tungsvolle Haltung der Natur gegenüber hat. Sie soll auf die Kinder durch die Persönlich- keit des Lehrers und sein Verhalten einwir- ken. Dafür ist auch «Umwelterziehung» und Persönlichkeitsentwicklung in der Lehrerfort- bildung eine grundlegende Voraussetzung. Diese grosse Verantwortung darf aber nicht den Lehrern alleine zugeschoben werden. Eine elterliche Unterstützung dieser Erzie- hungsbemühungen ist unbedingt notwendig. Damit kann auch verhindert werden, dass für das Kind eine Kluft zwischen den beiden Au- toritäten — Eltern einerseits und Lehrern an- dererseits — entsteht. Eine Utopie das ganze? Ich glaube: Eine Not- wendigkeit, und langfristig die wirksamste Umweltschutzmassnahme. Marie Fischer
        

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