Herausgeber:
Liechtensteiner Umweltberichte
Bandzählung:
18
Erscheinungsjahr:
1985
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000037232_18/2/
Seite 2 Oktober 1985 In diesem Jahr feiert der Liechtensteiner Bau- ernverband sein 100jähriges Jubiläum. 100 Jahre sind ein schönes Stück Weg in unserer hektischen Menschengeschichte. Wie hat sich doch die Landwirtschaft und Liechtenstein in dieser Zeitspanne gewandelt! 100 Jahre sind sicher auch Grund zum feiern, aber ebenso auch Anlass zur kritischen Bilanz, was mit den 30 cm Boden getan wurde, von denen wir leben, und zwar aus qualitativer und quanti- tativer Sicht. Ertragsmaximierung in der Landwirtschaft ist verderblich Die Landwirtschaft schuf einst durch ihr Wir- ken, mit dem Roden des Waldlandes, durch Beweidung, mit der Dreifelderwirtschaft, un- seren heutigen Artenreichtum. Wir verdan- ken also diesen Aktivitäten die Schaffung der traditionellen Kulturlandschaft. Vor allem seit den 1950er Jahren hat sich aber das Bild der Landschaft durch die Intensivierung der Landwirtschaft entscheidend gewandelt. Es wird die Landschaft ausgeräumt, auf intensi- ven Ackerbau mit gesteigertem Mineraldün- ger- und Pestizideinsatz gesetzt. Die Land- wirtschaft von heute wird als Landnutzer und Wirtschaftszweig mit weitem Abstand als der wichtigste Verursacher des allgemeinen Ar- tenrückganges bezeichnet. Diese moderne Form der Landwirtschaft tut zwar nichts an- deres, als das, was wir ihr in der industriellen Gesellschaft vorleben, sie rationalisiert. Ihr Medium sind allerdings der Boden und die Tiere. Und der Boden ist verletzlich. Die Zielkonflikte akzentuieren sich in der Landwirtschaft immer mehr. Ertragsmaximie- rung wird oft mit schädlichen Umwelteinflüs- sen erkauft. 
Ein für Liechtenstein typisches Beispiel ist die Ausdehnung des Silomaisan- baues, weshalb dieser näher dargestellt sei. Der Maisanbau steigt von 82 ha im Jahre 1965 auf 455 ha anno 1980. Alleine schon längere Regenfälle zeitigen hier sichtbare Folgen. Die obersten Humusschich- ten werden dort weggeschwemmt, wo der Bo- den noch nicht genügend bewachsen ist. Und dies ist in Maiskulturen ganz besonders der Fall, weil dort das Pflanzenwachstum relativ spät einsetzt. In der Schweiz wurden schon Werte des jährlichen Abtrages von 40 Tonnen pro ha festgestellt, das bedeutet eine Boden- verminderung von 4 mm im Jahr, aus der nur 30 cm hochaktiven Humusschicht. Das Pro- blem des schleichenden Bodenverlustes ist auch auf die schweren Landmaschinen zu- rückzuführen. Das Regenwasser dringt nicht mehr in die Humusschicht ein. Die mangeln- de Zufuhr von Wasser und Sauerstoff lässt den Humusgehalt sinken. Staunässen der Bo- denoberfläche sind sichtbare Zeichen hier- von, die man versucht durch Zweit- oder Drittmeliorationen zu sanieren ohne aber die eigentlichen Ursachen zu bekämpfen. Die Krümelstruktur und Durchlässigkeit des Bo- dens wird so gestört. Regenwürmer als Bo- denlockerer fallen aus. Eine gesunde Krümel- struktur ist indes entscheidende Vorausset- zung für eine intakte Bodenkleinlebewelt. So oft wie möglich die Pflanzenarten zu wech- seln und zwischendurch bodenlockernde Pflanzen zu ziehen, wäre eine wichtige Konse- quenz. Mais wird hingegen, wie im Lande vielfach zu beobachten ist, Jahr für Jahr an der gleichen Stelle angepflanzt. Dies bestätigt 
uns ein Blick von Planken auf das Schaaner Riet oder eine Fahrt von Ruggell in Richtung Grenze, wo man einen eigentlichen Maiskor- ridor durchfährt. Dort, wo längere Zeit Mais- bau betrieben wurde, kommt übrigens gemäss Erfahrung kaum ein Gehölz mehr auf. Der Boden schafft ganz offensichtlich das ihm zu- gedachte Programm der Ausbeutung nicht mehr. Er droht zu kollabieren. Wir haben verlernt auf den Boden zu hören. Unser Hausverstand wird manipuliert, wir beziehen unsere Handlungsanweisungen aus dem Auf- druck der Düngersäcke. Die bisherige Land- wirtschaft und vor allem Subventionspolitik hat offensichtlich beim qualitativen Boden- schutz versagt. Solange u.a. Pestizide anstatt mit einer Umweltsteuer belastet gar unkon- trolliert suventioniert werden, kann es einfach nicht gut gehen. Die Spekulation um den Boden wird kriminell Auf den schmalen liechtensteinischen Tal- raum ergiesst sich eine ungebändigte An- spruchsflut. Wir tragen zu viele und zu unter- schiedliche Erwartungen an den Boden her- an. Wir bewirtschaften und überbauen ihn, beuten ihn aus, kaufen und verkaufen ihn und setzen ihn so als Wertgegenstand ein. Das Profitdenken mit dem Boden durch Spekula- tion, zu dem auch «Baulandbauern» beitra- gen, treibt Blüten. Wenn heute Landwirt- schaftsböden für 250 Franken pro Klafter (= 3.6 m2) 
ganz offen in der Landespresse angeboten werden, so hat dies mit dem land- wirtschaftlichen Ertragswert gar nichts mehr zu tun. Wie bestes Bauland in Liechtenstein verloren geht, wurde des öfteren schon veröf- fentlicht (siehe Kasten). Die Zersiedelung in Liechtenstein Von unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche sind mehr als ein Drittel bau- lich eingezont und bieten ohne Verdich- tung Raum für mehr als 100 000 Leute. Jede Minute wird ein halber Quadrat- meter in Liechtenstein verbaut, im Tag 720 m2  der ursprünglichen Nutzung ent- zogen. Wir entziehen so gleichzeitig jährlich 150 Personen die Ernährungs- basis. Wirtschaften wir im gleichen Stile wie die heutige massgebende Genera- tion weiter, so haben wir in 60-70 Jah- ren den Stadtstaat Liechtenstein er- reicht. In der Landtagssitzung vom 8. November 1979 überwies das Parla- ment oppositionslos ein Postulat betref- fend die Schaffung einer landesweiten Landwirtschaftszone. Sie sollte die Not- bremse gegen Zersiedlung und Land- schaftsfrass darstellen, wie dies etwa die Schweiz 1972 mit dem dringlichen Bun- desbeschluss für die Raumplanung oder 1977 Vorarlberg mit der landesweiten Grünzone gezogen haben. Seit sechs Jahren wird diese landesweite Landwirt- schaftszone mehrfach angekündigt, Ta- ten fehlen! 
Mir liegt es noch im Ohr, wie man im Zuge der Diskussionen um die Rheinkraftwerke immer wieder von der notwendigen Stromun- abhängigkeit vom Ausland gesprochen hat. Wo bleibt in diesem Zusammenhang die dies- bezügliche Krisenvorsorge für unsere Ernäh- rung? Von der haben wir uns ohne Aufsehen um 1970 verabschiedet, ohne damals wie heu- te eine Autarkie zu fordern (vgl. die gegentei- ligen Diskussionen in der Schweiz um Frucht- folgeflächen). Der Mut nach planerischen Restriktionen und Änderung des ungerechten Bodenrechtes ist unpopulär, als ein scheinbarer Eingriff in das private Eigentum verpönt. Man beachte hiezu die fast prototypische Diskussion über die Ausweisung von Grundwasserschutzgebieten in Liechtenstein, wo «realistischere», d.h. ein- geschränktere Zonen von den Gemeinden verlangt werden. Ganz offensichtlich besteht keine Bereitschaft unsere Bedürfnisse kritisch zu betrachten, allenfalls auch einmal Verzicht zu üben. Kein Flächenverbrauch entspricht einem unabwendbaren Sachzwang, keine Bo- denbeschädigung ist eine unabdingbare Be- gleiterscheinung. Leichtfertigkeiten dieser Art müssten vom Tisch, das Umgekehrte muss gelten. Die Unverletzlichkeit des Bo- dens muss Normalzustand, seine Versiege- lung und Belastung begründete Ausnahme werden. Bauzonenerweiterungen in Liechten- stein sind so konkret beim gegebenen Raum von 100 000 Leuten ganz einfach nicht mehr zu verantworten. Es ist im übrigen zutiefst unmoralisch, wie wir kommenden Menschengenerationen ihre Möglichkeiten verbauen. Ein Bodenschutz- programm ist längst überfällig. Mario F. Broggi
        

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