Armut, Kriege und Notzeiten 
882 
guten Teil aufgezehrt; die Ställe standen beinahe leer, sogar den Triesen- 
bergern stahlen die Franzosen Vieh im Werte von 6000 fl. Geld war kei- 
nes mehr vorhanden. Dazu kam die fortwährende Last der einquartier- 
ten Truppen! Durch die Franzosen wurden die Leute nach Kriegsrecht, 
von den Osterreichern und Russen nicht viel besser behandelt. Helbert 
berichtet: «Armselig sab es in dieser Zeit in unserem Lándlein aus, dass es 
nicht zu beschreiben ist. Im Mai 1800 mussten 300 Mann ab dem Eschner- 
berg über den Rhein, um die Haagerau auszureuten, damit die Osterrei- 
cher auf die Strassen sehen konnten, während die Franzosen in Sennwald 
und zu Werdenberg standen. Gross war der Jammer bei Frauen und Kin- 
dern, dass man ihre Gatten und Väter also blosstelle. Als die Franzosen ins 
Land kamen, nahmen die Requisitionen an Wein, Brot, Fleisch und ande- 
rem kein Ende. Unter dem Vieh brach die Klauenseuche aus. Mit jedem 
Monat kamen Forderungen an Geld oder Naturalien vom schwäbischen 
Kreis und von Vorarlberg. Der Sommer war heiss und es gab viel Wein. 
Dagegen war das Jahr 1801 nass. Am 12. Aprıl fiel ein so tiefer Schnee, dass 
die Bäume brachen und im Heumond tat der Hagel grossen Schaden. Im 
Jahre 1802 reiste der Landvogt Menzinger nach Ulm, um dem Abschluss 
der Kreisrechnung beizuwohnen. Unsere Kriegsschuld ist so gross, dass Kind 
und Kindeskinder daran zu zablen baben.» 
Die Kriegserlittenheiten, welche unser kleines Land von 1794 bis 
1802 zu tragen hatte, beliefen sich nach amtlicher Schátzung auffast eine 
Million Gulden. Solche Erschütterungen des ókonomischen Zustandes 
pflegen aber oft von noch grösseren moralischen Übeln begleitet zu sein. 
Der Krieg und die Kontributionen dauerten noch 13 Jahre fort. 
Im August 1809 kam beispielsweise vom französischen General zu Feld- 
kirch der strenge Befehl, eine allgemeine Entwaffung in Liechtenstein 
vorzunehmen, alle Waffen innert zwei Tagen nach Feldkirch zu bringen, 
für 200 Mann und 50 Pferde die tàgliche Fourage zu liefern. Landvogt 
Menzinger stellte sich dem General vor, wies ihn hin auf die Zugehôrig- 
keit dieses Landes zum Rheinbunde unter franzósischem Protektorat, 
auf die Summe von 14 000 fl., die das Land in demselben Jahre nur für 
sein Kontingent verwendet habe, auf die Unmöglichkeit, soviel Lebens- 
mittel im Lande aufzutreiben. Aber nur ein Trinkgeld von 220 fl. ver- 
mochte den General umzustimmen. 
Nach 1800 
Als der Krieg zwischen Österreich und den Franzosen 1805 wıe- 
der ausbrach, stieg erneut die Angst auf, wieder Besetzungsnot zu erfah- 
ren. In Feldkirch schanzte man gegen einen drohenden Franzoseneinfall 
vom Norden her. Auch die Liechtensteiner halfen bei diesen Schanzar- 
beiten mit. Doch vergeblich, die Franzosen zogen wieder dort ein. Aber 
der Krieg blieb uns diesmal fern. 
.. 1805 besiegte Napoleon in der Schlacht bei Austerlitz in Mähren 
die Österreicher. Auch Fürst Johann I. von Liechtenstein hatte als óster- 
reichischer General mitgekàámpft und nachher mit Napoleon den Waf- 
fenstillstand für Osterreich geschlossen. Napoleon teilte nun Europa 
nach seinem Willen politisch neu ein. Das alte deutsche Reich löste sich 
1806 auf, und Napoleon schuf den Rheinbund, dem er am 12. Juli 1806 
auch Liechtenstein als souveränen Staat zuwies. Als einziges der Bun- 
desländer hat Liechtenstein die Rheinbundakte nie unterschrieben, spä- 
 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.