Herausgeber:
LGU Mitteilungen
Bandzählung:
74
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000030015_74/3/
Liechtensteinische Gesellschaft für Umweltschutz 
wassers war wohl noch bedeutender. Es 
löste aber Emotionen aus. Man ent- 
deckte gewisse Werte selbst im gelenk- 
ten, eingedämmten Rhein, vor allem mit 
den Kiesbankmäandern. Der Erlebnis- 
raum Alpenrhein gewann damit an 
Bedeutung. Er wurde zur nicht mehr ver- 
nachlässigbaren Grösse in der Land- 
schaft, eine prägende und formende 
Kraft, der zentrale Strom dieses Tales. 
Seine Anwohner haben nun in einem 
weiteren Schritt Anrecht auf ein mög- 
lichst authentisches Gesicht dieser Land- 
schaft, weil dieses Bild unser Befinden 
beeinflusst, die Landschaft prägt uns. 
Welche Veränderungen sind deiner Mei- 
nung nach notwendig, damit wieder 
LGU) 
mehr Leben in unseren Alpenrhein und 
damit in den gesamten Talraum kommt? 
Mario Broggi Die Erkenntnisse, dass 
dem Wasser mehr Raum gegeben wer- 
den muss, sind europaweit verankert, so 
in der EU-Wasser-Rahmenrichtlinie und 
der Schweizerischen Gesetzgebung über 
den Wasserbau. Es gilt diese rechtlichen 
Erfordernisse umzusetzen, insbesondere 
dann, wenn die Dammsicherheit nicht 
mehr ausreichend besteht. Wir haben 
hier Vorbilder in unserer Grossregion in 
der Linth-Ebene und im Kleinen mit der 
Renaturierung am untersten Liechten- 
steiner Binnenkanal. Für diese Wiederbe- 
lebung des Alpenrheins mit den nótigen 
Ausweitungen scheint der erkennbare 
Mitteilungen Nr. 74: Dezember 2014 Seite 3 
politische Wille noch nicht ausgeprägt. 
Meine Vision wäre hier ein Perspektiv- 
wechsel. Nicht die Zivilgesellschaft par- 
tizipiert am Entscheidungsprozess, son- 
dern die Behörden und Experten 
partizipieren an einem Kreativprozess 
der Zivilgesellschaft. Das heisst die Ent- 
wicklung sollte aus der Mitte der Gesell- 
schaft, hüben und drüben, in Form eines 
Gesellschaftsvertrages angestrebt wer- 
den. Ich bin überdies überzeugt, dass 
man die meisten Partikularinteressen mit 
innovativen Lösungen einbauen kann. 
Dazu gehört insbesondere die Landwirt- 
schaft. Den grossen Gewinn sehe ich 
dann in einem neuen Angebot der Erho- 
lungsnutzung mit mehr Lebensqualität 
im Tal. 
Wasserkraftnutzung am Alpenrhein 
Bereits heute wird das Einzugsgebiet des Alpenrheins zur Stromgewinnung stark beansprucht. 
Im Interview hat Mario Broggi bereits auf 
den Grenznutzen der Energiegewinnung 
aus Wasserkraft hingewiesen. Ungefähr 
40 Speicherkraftwerke gibt es bereits im 
Einzugsgebiet des Alpenrheins. In jedem 
Kraftwerk wird zur Stromgewinnung 
Wasser aufgestaut, bei Bedarf turbiniert 
und dann abgelassen. Im Alpenrhein und 
seinen Zuflüssen kommt es so mehrmals 
täglich zu künstlichen Ebbe- und Fluter- 
eignissen mit schlimmen Folgen für die 
Wassertiere. Wird das turbinierte Wasser 
schwallartig abgelassen, schwemmt es 
Fischbrut, -eier und bodenlebende Orga- 
nismen fort. Gleich nach dem Schwall 
bewirkt der darauffolgende Sunk (Ebbe), 
dass die Lebewesen entweder auf Kies- 
bánken abgelagert werden, wo sie ver- 
trocknen, oder in die Sohle gedrückt 
werden, wo das mitgeschwemmte Fein- 
sediment sie bedeckt und erstickt. Die 
meisten Fischarten kónnen sich daher im 
Alpenrhein nicht mehr fortpflanzen und 
benutzen ihn nur noch als Wander- 
route. Leider stellen Wasserkraftwerke 
auch grosse Wanderhindernisse dar. Für 
künstliche Aufwártswanderhilfen kann 
zwar beim Kraftwerksbau, beispielsweise 
durch Fischtreppen gesorgt werden, aber 
die Rückwanderung führt für viele Fische 
durch die Turbinen. 
Durch den Rückstau des Wassers zur 
Stromgewinnung, bleibt den Fischen in 
vielen Seitengewássern des Alpenrheins 
nur noch das sogenannte Restwasser als 
Lebensraum. Dieses ist knapp bemessen 
und häufig ungenügend, um eine vielfäl- 
tige und gesunde Fischpopulation auf- 
recht zu erhalten. 
Wir brauchen sauberes 
Grundwasser 
Staustufen stellen eine Gefahr für unser 
Grundwasser dar, denn durch sie ver- 
langsamt sich die Fliessgeschwindigkeit, 
wodurch sich Nährstoffe anreichern und 
es zu einer zunehmenden Verschlam- 
mung kommt. Die Gewässersohle kann 
durch diese Schlämme verstopft werden, 
wodurch die Grundwasseranreicherung 
blockiert wird. Es ist wichtig, dass die 
gute Qualität unseres Grundwassers er- 
halten bleibt, denn etwa eine halbe Mil- 
lion Menschen sind davon abhängig. 
In der Schweiz sind jetzt bereits mehr 
als 90 Prozent des wirtschaftlichen Poten- 
tials der Wasserkraft ausgeschópft und 
viele Experten sind der Ansicht, dass sich 
ein weiterer Ausbau nicht mehr lohnt. Es 
kann davon ausgegangen werden, dass 
durch einen weiteren Aus- und Neubau 
von Wasserkraftanlagen theoretisch etwa 
5 Terawattstunden Energie gewonnen 
werden kónnen. Davon muss man 1 bis 
2 Terawattstunden wieder abziehen, da 
künftig die Restwassermengen aus óko- 
logischen Gründen erhóht werden müs- 
sen. Weitere Produktionseinbussen von 
    
rund 2 Terawattstunden seien durch den 
Klimawandel zu erwarten, wodurch 
schlussendlich nur noch sehr wenig zu- 
sátzlicher Strom aus Wasserkraft erzeugt 
werden kann (BAFU 201 1). 
Rein wirtschaftlich gesehen, ist ein Aus- 
bau der Wasserkraft derzeit nicht loh- 
nend. Ausserdem kónnte durch Strom- 
sparmassnahmen, zum Beispiel durch ef- 
fizientere Geráte und bewussteren Um- 
gang, wesentlich mehr Energie einge- 
spart werden, als durch den Neubau von 
Wasserkraftanlagen zur Verfügung ge- 
stellt werden kann. Die LGU ist überzeugt, 
dass Staumauern vor unserer Haustüre 
unnótig sind. Für wenig Zusatznutzen 
würde ein irreparabler ókologischer und 
landschaftlicher Schaden verursacht. 
Kraftwerk Reichenau: Wasserkraft- 
nutzung verándert die Landschaft 
langfristig.
        

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