Herausgeber:
LGU Mitteilungen
Bandzählung:
27
Erscheinungsjahr:
1993
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000030015_27/7/
LGU-Mitteilungen Juli 1993 Im Frühjahr 1994 werden in Liechten- stein die Jagdreviere für die nächsten 9 Jahre neu verpachtet. Wir haben die anstehende Neuverpachtung zum An- lass genommen, uns mit Forstingenieur Norman Nigsch über die aktuelle Wald —Wild-Situation in Liechtenstein zu unterhalten. Die Neuverpachtung der Jagdreviere bietet Gelegenheit, auf die abgelaufene Jagdperiode zurückzuschauen. Kann man eine Bilanz ziehen? Die vergangenen 9 Jahre waren inso- fern aussergewöhnlich, als dass in diese Zeit die Ausarbeitung des Schalenwild- gutachtens und die Inkraftsetzung des neuen Waldgesetzes fiel. Beide Werke haben bereits erste Spuren hinterlas- sen, sowohl was die Waldbewirtschaf- tung anbelangt, als auch in der jagd- lichen Praxis. Es ist aber noch zu früh, um hier über grossartige Erfolge be- richten zu können. Bestimmte Aussagen lassen sich doch si- cher heute schon machen? 
  Ohne Zweifel ist bei allen Beteiligten ein Gesinnungswandel festzustellen. So zeigt sich heute ein Grossteil der Jäger bereit, die geforderte Reduktion der Wildbestände tatsächlich durchzu- führen. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Bereitschaft auch anhält, wenn wir uns langsam aber sicher der ver- meintlichen «Schmerzgrenze» nähern. Wie sieht es mit der Waldverjüngung aus? Der Zustand der Waldverjüngung ist im ganzen Land, mit Ausnahme von ein paar kleinen, klar abgrenzbaren Wald- gebieten, miserabel. Das darf aber nicht ausschliesslich den Jagdpächtern der vergangenen 9 Jahre angelastet werden. In Liechtenstein klappt die natürliche Waldverjüngung bereits seit mehr als 40 Jahren nicht mehr. Das hört sich beängstigend an. Ist es auch. Leider mussten die Interes- sen der Waldwirtschaft in all den Jahren immer hinter denen der Jagd zurückste- hen. Was wir heute  vorfinden, ist zur Hauptsache das Ergebnis dieser jahr- zehntelang betriebenen Politik. In den Wäldern der  unteren Lagen stehen überall Zäune zum Schutz der Jung- bäume, die Gebirgswälder sehen vieler- 
orts aus wie Altersheime. Als zusätz- liche Hypothek kommen noch die forstlichen Altlasten aus der Kahl- schlagzeit hinzu. Die Aussichten sind wirklich nicht gut. Woran mangelt es? Fehlt' es an geeigne- ten gesetzlichen Bestimmungen? Die rechtlichen Voraussetzungen könn- ten besser nicht sein, nur happert es mit dem Vollzug dieser Bestimmungen. So wird beispielsweise im Waldgesetz gefordert, dass sich die standortsgerech- ten Baumarten in der Regel ohne Schutzmassnahmen  verjüngen müssen. Ich kenne aber kaum einen Waldstand- ort in Liechtenstein, wo dies heute zu- trifft. Im Gegenteil, man ist heute dabei, auch die Waldverjüngung in den Gebirgslagen mit Zäunen zu schützen. Sowohl als Waldbauer, wie auch als Steuerzahler stehen einem bei diesem Anblick die Haare zu Berge. Mit anderen Worten, man kommt nicht uni eine noch stärkere Reduktion der Wildbestände herum? Man muss klar sehen, dass man kurzfri- stig mit einer effizienten Reduktion der Wildbestände mit Abstand am meisten erreicht. Parallel dazu müssen aber auch Massnahmen ergriffen werden, die die Verbesserung der Lebensräume unserer Wildtiere zum Ziel haben. Die LGU fordert seit Jahren die Schaf- fung von Ruhezonen und die Ein- schränkung der Freizeitaktivitäten. Diese Forderungen sind durchaus be- rechtigt. Es scheint mir wichtig, dass wir hier endlich einen Schritt weiter kommen. Bis heute sind das lediglich fromme Lippenbekenntnisse geblie- ben. Gerade wir auf dem Landesforst- amt sind gefordert, hier endlich die Ini- tiative zu ergreifen. Dass bis heute noch nichts passiert ist, ist eindeutig unser Verschulden. Das Schalenwildgutachten hat aufge- zeigt, dass unter anderem auch Licht- mangel für die fehlende Verjüngung ver- antwortlich ist. Das ist richtig, aber man muss aufpas- sen, dass diese Aussage nicht • 
zu falschen Schlüssen verleitet. Wenn wir zur Einleitung der Verjüngung einen geschlossenen Altbestand öffnen, dann bleibt die Verjüngungsgunst des Stand- 
Zur Person Norman Nigsch hat an der ETH Zürich Forstwirtschaft studiert und ist seit 1986 als Forstingenieur auf dem Landesforstamt beschäftigt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Schutzwaldsanierung, die wald- bauliche Beratung der Gemeinde- förster sowie das Forstliche Pro- jektwesen. ortes oft nur kurze Zeit erhalten. Wenn nun die Gefahr besteht, dass hohe Wildbestände das Aufkommen der Jungbäume innert dieser günstigen Zeitspanne verhindern, dann ist es geradezu fahrlässig, diese guten,,  nie mehr wiederkehrenden Startbedingun- gen durch Öffnen des Kronendaches einfach so aufs Spiel zu setzen. Man muss also mit waldbaulichen Massnahmen  zuwarten, bis die Wildbe- stände reduziert sind? Nicht überall. Vor allem in jüngeren Beständen, wo die Verjüngung noch nicht eingeleitet werden soll, kann mit dosierten Pflegeeingriffen Licht auf den Waldboden gebracht werden, so dass eine Krautschicht aufkommen kann, die die Äsungssituation für das Wild wesentlich verbessert, ohne die spätere Bestandesverjüngung zu ge- fährden. Andere forstliche Möglichkeiten zur Minderung der Wildschadensanfällig- keit unserer Wälder gibt es nicht? Im Vergleich zu den jagdlichen Mög- lichkeiten ist es in der Tat relativ be- scheiden, was wir in dieser Beziehung vor allem kurzfristig beitragen können. Über längere Sicht werden d 
ie   Freiräume, die wir bei Neuaufforstun- gen und Pflegeeingriffen immer wieder schaffen, sich sehr vorteilhaft für die Wildäsung auswirken. Aber wie gesagt, das braucht alles seine Zeit. Zurück zur Jagd. Wo liegen denn die Gründe, dass die Jäger eine Mindest- grösse der Wildbestände fordern? Zu viele Jäger verfolgen immer noch als einziges Ziel, möglichst viele gute Trophäenträger zu erlegen. Und wer viele gute Trophäen will, braucht hierzu
        

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