Herausgeber:
Sonstige öffentliche Herausgeber
Erscheinungsjahr:
1987
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000028317/69/
Demonstration mit Zwi- 
schenfall in Liechtenstein 
rbw. Vaduz, 5. März. Bei einer Demon- 
stration zugunsten der Gleichberechti- 
gung der Frau kam es am frühen Frei- 
tagabend in Vaduz zu , Tätliehkeiten. 
Rund 120 Schiiler des Liechtensteini- 
schen Gymnasiums hatten zu einem 
Protestmarsch wegen der Ablehnung 
der  Frauenstimmrechtsvorlage auf- 
gerufen. Von Liechtensteinern, die Ge- 
sichtsmasken trugen, wurden ihnen die 
Transparente mit Slogans wie »Wir 
danken den Ja-Stimmern« und »Eva, 
wo bist du? — Hinter dem Herd« sowie 
ein Trauerkranz mit der Aufschrift 
»Wir trauern um die Gleichberechti- 
gung« entrissen und auf dem Boden 
zerstampft. Die Vermummten zogen 
auch auf Aufforderung der Demonstra- 
tionsleitung hin ihre Masken nicht aus. 
Die Jugendlichen verhielten sich vor- 
bildlich, nachdem ihnen von vornherein 
eingeschärft worden war, sich nicht 
provozieren zu lassen, sodass sich der 
einzige anwesende Polizist auf die Ver- 
kehrsregelung beschränken konnte. 
Tages-Anzeiger, Zürich, 6. März 1971 
  
Aufruf 
Liechtenstein bleibt der einzige Staat 
ohne Frauenstimmrecht. 
Diese Schlagzeile, die bereits die ganze 
Weltpresse durchwandert hat und einmal 
mehr Liechtenstein als ernst zu nehmen- 
der Staat in Frage stellt, veranlasst uns 
zu einer öffentlichen Stellungnahme. 
Wir laden die 1816 Ja-Stimmer und alle 
Frauen, die sich zum Frauenstimmrecht 
bekennen, zu einem Protestmarsch am 
Freitag, den 5. März, um 18.00 Uhr ein. 
Wir versammeln uns beim Marktplatz in 
Vaduz und hoffen auf Ihre Unterstüt- 
zung. 
Im Namen Vieler 
Die Schülerschaft des Liechtensteinischen 
Gymnasiums 
  
  
  
Liechtensteiner Vaterland, 4. März 1971 
den Zuges auf dem Marktplatz zeigte, bahnte sich hier weniger eine Demonstration 
gegen die Nein-Sager vom 28. Februar an, sondern vielmehr eine Manifestation des 
Dankes für die Ja-Stimmen. Anstelle der mitunter provozierenden Slogans, die noch 
am vergangenen Sonntag den Unmut mancher Bürger erweckt hatten, waren 
Spruchbänder des Dankes getreten: «Wir danken den Ja-Stimmern», «Vaduz, 
Schaan, Schellenberg, Ruggell und Planken — wir danken Euch!» — Oder humorvolle, 
wie «Irren ist menschlich», «Eva wo bist du? — hinter dem Herd.» 
Selbst jene Zuschauer, die der angekündigten Demonstration (auch als erklärte 
Befürworter des Frauenstimmrechtes) skeptisch gegenüberstanden und darin kein 
geeignetes Mittel für die Unterstützung des Postulates «Frauenstimmrecht» sahen, 
beruhigten sich angesichts der sehr positiven Parolen und der korrekt auftretenden 
Jugendlichen sehr bald. Da und dort schlug die anfängliche Kritik sogar in Sympathie 
um. 
Doch kaum hatte sich der Zug auf dem Marktplatz in Richtung Regierungsgebäude in 
Bewegung gesetzt, da geschah etwas, das man lieber nie erlebt hätte: einzelne 
Zuschauer und vereinzelte Zuschauergruppen drangen (teilweise mit vermummten! 
Gesichtern) auf die Jugendlichen ein, entrissen ihnen die harmlosen Spruchbänder, 
schlugen mit Fäusten auf die durchschnittlich etwa 17- bis 19jährigen Demonstran- 
ten und Demonstrantinnen ein, rissen einzelnen die Brillen von den Gesichtern und 
schleuderten sie weg, warfen Fasnachtsspregkörper in den Zug und faule Eier! 
Einzelne versuchten den Manifestationszug mit Autos zu stoppen, indem sie einfach 
unkontrolliert in die Leute hineinfuhren. Ausserdem griffen sich einzelne Zuschauer 
die jungen Mädchen bei den Haaren, versuchten sie aus dem Zug zu zerren und 
bedachten sie mit Schimpfworten, von denen «Huren» noch eines der gebräuchlich- 
sten war! 
Konsterniert verfolgten die meisten der rund 500 Zuschauer diesen Ausbruch von 
Gewalt und blinder Wut, der mit nichts, aber auch mit gar nichts zu rechtfertigen war. 
Es war lediglich der gewollten Passivität der jugendlichen Manifestanten zu verdan- 
ken, dass es am Freitagabend in den Hauptstrassen von Vaduz keine Strassen- 
schlacht im Sinne des Wortes und möglicherweise Schwerverletzte oder gar Tote 
gegeben hat. Gemäss ihren Instruktionen wehrten sich die Jugendlichen praktisch 
überhaupt nicht, als Stöcke auf ihre Köpfe niedersausten und ihnen das Haar 
ausgerissen wurde.» 
Die Beurteilung dieser Schilderung darf man wohl dem Leser überlassen. Nur eine 
kleine Bemerkung am Rande: 15 Jahre später war es dann so weit, das Frauen- 
stimmrecht fand endlich in einer Abstimmung die nötige Mehrheit. Von den 'Helden' 
von damals sprach niemand mehr, auch nicht von den maskierten 'Amateur-Gang- 
stern'. Nur eines blieb: Das Gymnasium behielt in einigen Teilen der Bevólkerung 
seinen 'revolutionáren Anstrich', nachdem im Lande etwas Neues geschehen war: 
Junge Menschen hatten sich getraut, ihre Meinung óffentlich zu sagen und dafür 
auch noch den Kopf hingehalten. Doch anscheinend hatte das Wort «Demonstra- 
tion» bei einigen Liechtensteinern «Assoziationen von brennenden Autos, Pflaster- 
steine werfenden Studenten und Schlàágereien» ausgelóst, was an die Studentenun- 
ruhen Ende der 60er Jahre in Frankreich und Deutschland erinnerte. 7! 
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