Herausgeber:
Sonstige öffentliche Herausgeber
Erscheinungsjahr:
1987
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000028317/106/
  
  
«Der Melzer...» 
durfte, daneben der Marktplatz, an gewissen Tagen drang das dumpfe Muhen der 
Kühe durch die geschlossenen Fenster ins Nibelungen-Lied und die Dreisätze und 
die englischen Vokabeln. 
Zwei Stunden lang habe ich die drei Jahresberichte von der ersten bis zur letzten 
Seite, Zeile für Zeile gelesen, und es war wie ein sehr spannender Roman. 
Manchmal dabei ein Lächeln, ein Grinsen, dann wieder sentimentaler Klumpen der 
Erinnerungen im Hals. Ich weiss es, es wird keinen Menschen interessieren. 
Schulerinnerungen zerfallen in nur zwei Kategorien: die uninteressanten und die 
eigenen. 
Trotzdem: für mich war es wunderbar. Aus den Seiten der dürren Berichte brauste, 
lauter und lauter, die Orgel der Kindheit auf, stürzte der Wasserfall der Erinnerung, 
rauschte auf der von Tennessee Williams ausgeliehene süsse Vogel Jugend. 
Tauchten verschwommen auf: Gesichter. 
Natürlich: wenn da in einem Rückblick auf die zwanzig Jahre des Bestehens der 
Schule eine Rubrik 'Die Maturanden 1943—-1953' erscheint, dann sagt Ihnen das gar 
nichts. 
Für Sie sind das Namen, anonym, sinnlos, überflüssig. 
Aber für mich! 
Da steht: Dietmar Melzer. 
Der schlief mit mir im gleichen Zimmer und war ein langer blonder Bengel mit einer 
Drahtbrille und wir hatten mächtig viel Spass zusammen. Während der letzten Jahre 
des Krieges lagen wir in mancher Nacht gemeinsam unter der Decke seines Bettes, 
denn er hatte irgendwie einen Radio-Apparat ins Internat geschmuggelt, und aus 
dem kamen die Nachrichten, die unsere Phantasie beflügelten. 
Wir hörten London und da erfuhren wir von El Alamein und Tobruk und Stalingrad, 
und wenn wir es gehört hatten und die Sendung beendigt war, dann machten unsere 
Herzen bumm-bumm-bumm-bumm, im Rhythmus des Pausezeichens von London, 
im Rhythmus jener trockenen Schläge, die keiner mehr vergisst, der sie damals 
vernommen hat. Bumm-bumm-bumm-bumm! Drei davon folgten sich rasch, der 
vierte kam mit einer ganz kleinen Verzögerung und war akzentuierter. 
Der Melzer... 
Es gab keinen Unfug, den er freiwillig unterlassen hätte. Immer steckte er voller 
Unsinn, aber manchmal war er auch sonderbar. Einmal sprach er plötzlich drei Tage 
fast gar nichts mehr, weil er den Bibel-Satz 'Eure Rede sei Ja-Ja und Nein-Nein' 
wórtlich nehmen wollte. Er dachte sogar daran, sich wáhrend des Unterrichtes auf 
den Gebrauch der beiden Wórter zu beschránken und etwa auf die Frage, wer die 
Schlacht bei Waterloo gewonnen habe oder wie die chemische Abkürzung für 
Natrium laute, mit einem schlichten 'Nein' zu antworten. 
Pfarrer ist er geworden, der Melzer, irgendwo im Tirol, und ich bin sicher, er ist einer 
von den lustigen. Einer von denen, die Reklame für ihre Religion machen und nicht 
102 
  
 
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.