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Fluss der Zeit und des Lichts 
  
Es wäre eine lohnende Aufgabe, den Gedanken aufzugreifen, 
den der bedeutende Zürcher Germanist Emil Staiger in seiner 
Untersuchung «Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters» 
eruiert hat, — und dann über die Zeit als Einbildungskraft auch 
des Bildhauers nachzudenken. Es würde sich wahrschein- 
lich ergeben, dass die Einbringung der Zeitdimension, die 
mit dem Beginn der Renaissance durch das Bilddenken in 
Perspektiven eine máchtige, aber auch verfestigende Form 
gefunden hat, durch das Formulieren eines ganz neuen, trans- 
perspektivischen Weltbildes im Kubismus und der Abstraktion 
zu erstaunlichen kreativen Lósungen führte. Daran haben alle 
Kunstgattungen, auch die Plastik, Anteil. 
An sich fasst man Skulptur als etwas Feststehendes auf. Für 
bestimmte Hochkulturen ist das Zeitlose — hier nicht im Sinne 
einer Qualifikationshóne genommen -— geradezu konstitutiv. 
Die hieratischen Sitz- und Standfiguren Alt-Agyptens zeichnet 
dies aus, unbeweglich, auch unabánderlich, wenn stehend 
durch zwei Jahrtausende immer das linke Bein vorgestellt, 
ohne Durchlass zwischen den Schenkeln und den Armen, 
was ja Raum und damit Móglichkeit einer Bewegung und also 
Ablauf einer Zeitspanne bedeuten kónnte. Auch ihr Blick geht 
auf den Ewigkeitshorizont des Re Harachte, und ihre Nicht- 
Zeit ist die Ewigkeit. Immer sind die Figuren aus dem Block 
konzipiert; der Würfelhocker, wie etwa Bek en Chons in der 
Münchner Glyptothek, ist denn auch die Erfüllung der alt- 
agyptischen Plastik. Eine Freifigur gibt es nicht; alle Statuen 
sind auf Architektur bezogen, mit ihr verbunden, in einer 
Hauptrichtung zu sehen, und das Tageslicht holt den Massen- 
kórper heraus, wie bei den gewaltigen Osiris-Pfeilern des 
Ramesseums. Ähnliches wáre von den Kugelkópfen der 
Olmeken Alt-Mexicos zu sagen, und von den máchtigen 
Venus-Kriegern der Tolteken zu Tula. 
Anders verläuft die Entwicklung in der griechischen Plastik. 
Die in ihre innere Stille konzentrierten Kuroi archaischer Zeit 
werden von Figuren abgelóst, die sich immer mehr aus der 
Kórperponderation mit dem Kontrapost in eine Bewegung in 
  
  
 
        

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