Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
10
Erscheinungsjahr:
1984
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000012263/76/
Oehri mehr die Notwendigkeit einer verbleibenden starken staat­ lichen Autorität betonte. Kaiser öffnete sich den herrschenden Lehren des Liberalismus in fast dogmatischer Weise und kombinierte sie mit den von ihm so hoch-gehaltenen Liechtensteiner Traditionen. Der Landesverweser sollte den Rang eines dem Landrat verantwort­ lichen Ministers erhalten, dem Fürsten verblieb bloss ein aufschieben­ des Veto89. Andererseits hielt Kaiser am politischen Ubergewicht der Besitzenden fest; die Feudalrechte sollten aufgehoben werden. Der Landvogt Menzinger missbilligte dies, aber in den Diskussionen setzte sich der von Kaiser propagierte, relativ doktrinäre Liberalis­ mus durch: im Sinne Benjamin Constants90 waren Fürst und Volk gleichermassen Träger der Souveränität. Uber beide wölbte sich der Staat. Fürstliche Erlasse bedurften der Gegenzeichnung des Landes­ verwesers als Spitze der Regierung — der Landrat bestand aus 24 gewählten Mitgliedern. Die Domänen sollten nur noch zum Niess- brauch des Fürsten dienen. Menzinger, der an dem Entwurf mitgearbeitet hatte, relativierte ihn in seinen Berichten — der Hofkanzlei war er ohnehin zu radikal, sie hoffte auf einen Umschwung. Fürst Alois II., an sich einer Ver­ fassung geneigt, taktierte hinhaltend: er wollte die grundsätzlichen Entwicklungen in Frankfurt abwarten. Dies war nicht nur blosses Temporisieren, sondern Ausdruck eines gefährlichen Zwiespalts, denn der Fürst wollte nicht durch allzu rasches Handeln in einen bedroh­ lichen Gegensatz zur Entwicklung in Österreich geraten, die seine Stellung empfindlich schwächen konnte. So trug Alois der Entwick­ lung insoweit Rechnung, als er den Verfassungsentwurf provisorisch in Kraft setzte, allerdings unter Ausklammerung der rechtlich heik­ len Fragen: Stellung des Fürsten, Verhältnis zum Deutschen Bund, Staat und Kirche. Den relativ radikalen Forderungen der Liechten­ steiner waren damit Grenzen gezogen, auch wenn der Fürst gewillt war, notfalls — bzw. wenn die Umstände es gestatteten oder erfor­ derten — noch einen Schritt weiterzugehen. 88 Die Konstruktion entsprach nicht ganz den Gegebenheiten des Kleinstaates — und auch nicht • dem damaligen . Kräfteverhältnis zwischen dem Landesfürsten und dem Land; sie-war wohl zu .'theoretisch gedacht. 90 Zu Constant grundsätzlich: L. Gall, Benjamin Constant, Seine politische Ideenwelt und der deutsche Vormärz, 1963. 
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